"Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben"
27. Deutscher Evangelischer Kirchentag
Leipzig 1997 - 18. - 22. Juni
Linie
Es gilt das gesprochene Wort!
Verwertung und elektronische Weiterverarbeitung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers!

Bibelarbeit Matthäus 20,1 - 16

Prof. Dr. Luise Schottroff, Theologin, Hamburg
Prof. Dr. Dorothee Sölle, Theologin, Kassel

Neue Messe, Halle 2 - Ost; Sonnabend, 21.6.1997; 9:00 Uhr

(LS) Effektive Betriebsführung

Morgens, wenn die Nacht hellgrau wird, stehen die Arbeitslosen auch heute noch wie zu Zeiten des Neuen Testaments in Ländern des Vorderen Orients auf dem Marktplatz und warten darauf, einen Job für einen Tag zu finden. Die Landbesitzer und Leiter der Handwerksbetriebe holen sich dort ihre Ta-gelöhner für den Tagesbedarf. Tagelöhner waren in der Antike die billigsten Arbeitskräfte. Sie waren noch billiger als Sklaven und Sklavinnen, die die Besitzer nicht hungern lassen konnten, wenn sie ihren Verkaufswert nicht verlieren sollten. Tagelöhner waren Sklaven auf eigenes Risiko. Ihr Hunger und ihre Krankheiten konnten den Herren gleichgültig sein. Diese Tagelöhner stehen im Mittelpunkt des Textes Mt 20,1-16. Die Kassiererinnen an den Supermarktkassen heute leisten eine hochkon-zentrierte Arbeit. Zeiten der Flaute mit wenig Kundschaft, in denen sie sich erholen könnten, erleben sie nicht. Die Betriebsleitung plant ihre Arbeitsleistung nach dem Bedarf. Für die Frau an der Kasse ist immer Hochbetrieb. Bei Flaute stehen die Nebenkassen leer. Nach der Logik dieser effektiven Be-triebsführung handelt auch der Weinbergbesitzer im Jesusgleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Er holt sich früh morgens nur wenige Arbeiter und schätzt im Laufe des Tages genau den verbleiben-den Arbeitsbedarf ein. So holt er sich um 9, um 12, um 15 und um 17 jeweils weitere Tagelöhner. Heute könnte man dieses umständliche Verfahren mit Computern noch effektiver gestalten. Die Logik aber ist dieselbe: die Tagelöhner unter Hochdruck arbeiten lassen, keine Pausen, die sich vermeiden lassen. Die Arbeit soll billig sein, noch billiger im Verlaufe des Tages, wenn es geht. Dieses Verfahren des Anheuerns in Etappen über den Tag verteilt hat, zudem für den damaligen Arbeitgeber den Vor-teil, daß er arbeitsrechtlich gegenüber den später, ab 9 Uhr, gemieteten Tagelöhnern völlig freie Hand hat. Die ersten, die morgens um 6 geheuert werden, bekamen damals einen gültigen mündlichen Ar-beitsvertrag. Die gegenseitige Zustimmung zur Lohnabsprache und der Handschlag gehören dazu. Einen Denar sollen sie am Tag verdienen. Die später gemieteten Tagelöhner werden nur einseitig darauf hingewiesen, der Arbeitgeber werde sie nach Gutdünken entlohnen. Bei den letzten um 17 Uhr ist keine Rede mehr vom Lohn; diesen Tagelöhnern dürfte klar sein, daß sie allenfalls ein paar Trau-ben als Lohn erhalten werden. Der Text ist sehr genau erzählt, er läßt die Strategien des Arbeitgebers für die "Minimierung" (das Wort ist heute dafür beliebt) der Lohnkosten und die Ausschaltung arbeits-rechtlicher Hindernisse sehr deutlich werden. Ich lese die erste Hälfte des Gleichnisses Mt 20:

(1) Denn das Himmelreich ist einem Gutsherrn gleich, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

(2) Nachdem er sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg.

(3) Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere ohne Arbeit auf dem Marktplatz stehen,

(4) und er sprach zu ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg, und was recht ist, will ich euch geben.

(5) Sie gingen hin. Wiederum ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat dasselbe.

(6) Als er um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen, und er spricht zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag hier ohne Arbeit?

(7) Sie sagen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sagt zu ihnen: Geht auch ihr in den Wein-berg!

Die Jesusgleichnisse stammen aus der Gleichniskultur des jüdischen Volkes. Es ist faszinierend, die-se Erzählkunst und diesen Bilderreichtum zu erleben. Wir mitteleuropäischen Christenmenschen ken-nen Theologie vor allem in einer Begriffssprache, da geht es um Rechtfertigung und Gnade. Aber was das genau ist, das müßten wir erzählen können, um es anderen mitzuteilen. Wie gut, daß es die kon-krete Sprache der Bibel gibt. Sie kann uns Begriffshubern aufhelfen.

(DS) Träume mich Gott

Ich will es ganz einfach sagen: Gott braucht uns für sein Reich. Es ist eine falsche, von dogmatischen Begriffen besetzte Theologie, sich Gott vorzustellen als einen unberührten, tränenlosen Herren, der niemanden braucht, um lebendig zu sein. Nichts hat mich so sehr in das Christentum gelockt wie die-ses Wissen, Gott braucht mich. Christus wartet darauf, daß wir ihn erkennen in der geringsten Schwester und im Letzten, der zur Arbeit angeheuert wird.
Manchmal frage ich mich, warum es so wenig Sprache der Gottesliebe unter uns gibt, sondern meist nur ein abgeblaßtes Reden vom uns liebenden, uns beschützenden, von uns kleinen Winzlingen bloß nichts erwartenden Herren-gott. Das "Reich der Himmel", von dem unser Gleichnis spricht, meint et-was ganz anderes. Es will uns beteiligen an diesem Reich, in dem die Letzten die Ersten werden. Wir sollen uns verhalten wie dieser merkwürdige Hausherr oder Arbeitgeber. Wir sollen den Ewigen lieben über alle Dinge. Wie macht man das? Die Antwort der Tradition auf diese Frage ist, daß wir Gott dann lieben, wenn wir seinen Willen erfüllen, nicht weil er es befiehlt, sondern weil "das von Gott", das in uns selber steckt, eins geworden ist mit dem Gott, der "Du sollst!" zu uns sagt und doch nichts ande-res will als in uns frei werden und aufstehen. So werden wir an Gottes Leben teilnehmen, und die Wüste, in der wir jetzt leben und die wir ausbreiten, wird blühen.

Nicht du sollst meine Probleme lösen,
sondern ich deine, Gott der Arbeitslosen.
Nicht du sollst die Hungrigen satt machen,
sondern ich soll deine Kinder behüten
vor dem Terror der Banken und Militärs.
Nicht du sollst den Flüchtlingen Raum geben,
sondern ich soll dich aufnehmen,
schlechtversteckter Gott der Elenden.
Du hast mich geträumt Gott,
wie ich den aufrechten Gang übe
und niederknien lerne,
schöner als ich jetzt bin,
glücklicher als ich mich traue,
freier als bei uns erlaubt.
Hör nicht auf mich zu träumen, Gott.
Ich will nicht aufhören mich zu erinnern,
daß ich dein Baum bin,
gepflanzt an den Wasserbächen
des Lebens.

(LS) Frauenlöhne

Damals verstanden alle ZuhörerInnen sofort, daß Jesus von Gott sprechen will, wenn er beginnt: Das Himmelreich gleicht einem Arbeitgeber, der morgens auf den Marktplatz ging. Aber daß Gott als raffi-nierter Lohndrücker und Manipulierer des Arbeitsrechtes abgebildet wird, das wird die Zuhörenden in Anspannung versetzt haben: Das was du da erzählst, das ist unsere tägliche Misere, du hast doch versprochen, von Gott zu erzählen! Aber, so macht Jesus klar, wenn wir von Gott erzählen, muß zu-nächst die Realität auf den Tisch - ohne Beschönigung.

Was ist eigentlich mit den Frauen und Familien der Tagelöhner los? Das Gleichnis erwähnt sie nicht, aber die Zuhörenden waren mehr Frauen als Männer. Jesus hat in einem anderen Gleichnis erzählt, wie es den Frauen der Tagelöhner ergeht: Lk_15,8-10. Ich möchte beide Gleichnisse zusammenle-sen. Das Gleichnis Lk_15 erzählt von einer Frau, die eine Drachme verliert. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg heißt derselbe Geldwert Denar. Denar ist die römische Bezeichnung, Drachme ist die griechische Bezeichnung. Die Kaufkraft einer Drachme oder eines Denars ist etwas größer als der Tagesbedarf an Lebensmitteln für einen Erwachsenen. Aber er langt nicht für den Tagesbedarf einer Familie. Die Frau im Jesusgleichnis verliert eine Drachme von 10 Drachmen, die ihr gehören. Verzweifelt sucht sie nach der Drachme. Sie entzündet eine Öllampe. Sie fegt ihr kleines fensterloses Haus. Endlich hat sie die Drachme gefunden. Die Freude ist so groß, daß sie Nachbarinnen und Freundinnen zusammenruft: Ich möchte mit euch feiern, daß ich die Drachme wieder gefunden habe. Ich habe dafür mehr als zwei Tage in der Wollfärberei gearbeitet, von morgens 6, bis abends die Son-ne unterging. Die Färberei stinkt, abends verfolgt dich der Geruch bis ins Bett. Es ist so schwer Arbeit zu finden, gerade für Frauen. Am liebsten hätten die Arbeitgeber meine Arbeit für umsonst.

In der Auslegungsgeschichte von Mt_20 können wir bis in das Vorbereitungsmaterial für den Kir-chentag '97 lesen, der eine Denar von Mt_20 reiche für eine Familie. Es gab und gibt bis auf den heu-tigen Tag den Mythos vom Familieneinkommen, das ein Mann der Unterschicht und unteren Mittel-schicht verdient, wenn er denn Arbeit hat. Die Wahrheit ist, daß Frauen dazuverdienen müssen, auch bei uns, damit die Familie leben kann. Der Lohn der Frauen bei gleicher Arbeit ist in weiten Bereichen auch heute noch niedriger als der von Männern. Er langt als zusätzlicher Verdienst, um das Familien-einkommen zu sichern. Bei diesem System sind Frauen nicht in der Lage, eine eigene unabhängige wirtschaftliche Existenz zu führen. Sie sind genötigt zu heiraten und nach einer Scheidung oder dem Tod des Mannes wiederzuheiraten. Das Gleichnis von der verlorenen Drachme fängt in einer kleinen Szene Frauenalltag ein. Suche nach Geld, Billiglöhne, schlechte Arbeitsbedingungen, eine unabhän-gige Existenz für Witwen, Geschiedene, Unverheiratete ist nicht möglich. Solche Bedingungen gab es in der Alten Welt und sie gibt es heute in der Zweidrittelwelt und bei uns.

Testimonium von Wendy Diaz, einer jungen Frau unserer Zeit

Ich heiße Wendy Diaz und bin 15 Jahre alt. Ich wurde am 24. Januar 1981 geboren und bin aus Hon-duras. Seit meinem 13. Lebensjahr arbeite ich in der Nähfabrik, der Maquiladora Global Fashion.

Bei Global Fashion gibt es etwa hundert Minderjährige wie mich, dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahre alt, manche sogar nur zwölf. Als wir Hosen für die Marke "Kathie Lee" nähten, wurden wir gezwungen, fast jeden Tag von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends zu arbeiten. Samstags arbeiten wir bis fünf Uhr nachmittags. Manchmal mußten wir die ganze Nacht arbeiten, bis halb sieben morgens. Die Mäd-chen in der Packabteilung haben fast immer solche Arbeitszeiten. Für diese ganzen Arbeitsstunden bekomme ich höchstens 240 Lempiras die Woche, was etwa 33,00 DM entspricht. Mein Stundenlohn beträgt 3,34 Lempiras - das sind umgerechnet keine fünfzig Pfennig. Mit diesem Gehalt kann niemand überleben.

Wir werden bei Global Fashion sehr schlecht behandelt. Die Aufseherinnen und Aufseher brüllen und schreien uns an, daß wir schneller arbeiten sollen. Manchmal schmeißen sie Dir den Stoff ins Gesicht oder packen Dich und schubsen Dich. Sie zwingen Dich dazu, schnell zu arbeiten. Und wenn Du es einmal schaffst, die Tagesquote zu erfüllen, dann erhöhen sie sie am nächsten Tag.

In der Fabrik ist es heiß wie im Ofen. Die Toilette ist abgeschlossen, und man braucht eine Erlaubnis, um sie zu benutzen, und das geht auch nur zweimal am Tag. Während der Arbeit dürfen wir uns nicht unterhalten; wenn wir es tun, werden wir bestraft. Sogar die schwangeren Frauen werden mißhandelt. Sie schicken sie in die Bügelabteilung, wo sie in der fürchterlichen Hitze zwölf bis dreizehn Stunden im Stehen bügeln müssen. Damit zwingen sie sie dazu zu kündigen, weil durch diese Arbeit die Füße anschwellen. Wenn die Frauen es nicht mehr aushalten können, müssen sie aufhören. Auf diese Wei-se braucht die Firma dann keinen Mutterschutz mehr zu zahlen.

Die Männer auf dem Feld der Großgrundbesitzer und die Frauen in der Textilproduktion. Wie sich die Bilder gleichen.

Aber Jesus wollte doch vom Himmelreich, von Gott, erzählen!

Ich lese den zweiten Teil des Gleichnisses Mt_20:

(8)_Als es dann Abend wurde, sagt der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten bis zu den ersten.

(9)_Und als die von der elften Stunde kamen, erhielten sie jeder einen Denar.

(10)_Und als die ersten kamen, meinten sie, daß sie mehr erhalten würden; und auch sie erhielten jeder einen Denar.

(11)_Als sie ihn erhalten hatten, murrten sie gegen den Gutsherrn

(12)_und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die Hitze ertragen haben.

(13)_Er aber entgegnete einem von ihnen: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf einen Denar geeinigt?

(14)_Nimm, was dein ist und geh! Ich will aber diesem letzten gleich viel geben wie dir;

(15)_oder steht es mir etwa nicht zu, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will? Oder blickst du böse, weil ich gütig bin?

(16)_So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

(LS) Am Bedürfnis der Menschen orientieren

Was würden wir sagen, wenn auch die Arbeitslosen ein Recht auf soviel Arbeit hätten, daß sie davon leben könnten: den einen Denar eben, der die Grundbedürfnisse abdeckt. Was würden wir sagen, wenn die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen strengen Kontrollen unterworfen würden, daß sie weder an den Resten von Pflanzenschutzmitteln in der Baumwolle noch an Feuersbrünsten in ungesi-cherten Hallen sterben müßten. Jesus erzählt von der Auszahlung des Arbeitgebers am Abend dieses langen Arbeitstages: Er gibt seinem Feldaufseher den Auftrag mit der Lohnauszahlung bei den Letz-ten, den 17-Uhr-Arbeitern anzufangen. Sie bekommen einen Denar. Das ist eigentlich der Tageslohn, der mit denen vereinbart wurde, die morgens ab 6 Uhr gearbeitet haben. Sie hoffen nun auf entspre-chende Lohnerhöhung, aber auch sie bekommen einen Denar. Man hat immer wieder eingewendet, das Gleichnis sei ungerecht gegenüber den Langarbeitern, wenn es denn schon barmherzig sei mit den Kurzarbeitern. Jesus orientiert sich nicht an der Leistung, sondern am Bedürfnis, und zwar am Bedürfnis der Letzten, derer, bei denen abends kein Essen mehr auf dem Tisch steht, auch wenn die Frau den ganzen Tag in der Textilfabrik gearbeitet hat. Man hat das Gleichnis bis auf den heutigen Tag entschärft, indem man gesagt hat: Es ist ein Gleichnis. Das Bild ist Nebensache, eigentlich geht es um Gottes Gnade - und die hat mit der Realität von Tagelohnarbeit und einem Denar nichts zu tun. Dieses wissenschaftliche Gleichnistheorie, die das sogenannte Gleichnisbild zur Nebensache erklärt, ist eine Strategie der Entschärfung der Jesusgleichnisse. Jesus sagt, daß Gott sich in der Arbeitswelt, bei der Auszahlung der Löhne offenbaren kann. Gott offenbart sich in dem Moment, als die Textilar-beiterin ihre verlorene Drachme wiedergefunden hat. Gott offenbart sich dort, wo Menschen das Recht auf Leben zugesprochen wird, auch wenn die Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft ganz anderen Gesetzen folgt. In diesen Gleichnissen wird mit wenigen Worten eine Welt gezeichnet, die barmherzig und menschengerecht ist. Wenn heute ein neues Produkt auf den Markt kommt, dessen Gefahren für die Gesundheit der Menschen nicht abzuschätzen ist (z.B. bei genveränderten Lebensmitteln), dann wird abgewartet, ob viele Menschen durch diese Produkte krank werden. Und der ursächliche Zu-sammenhang muß dann noch bewiesen werden. Wenn ich als Mutter oder Großmutter meiner Familie Essen zubereite, gehe ich vom umgekehrten Prinzip aus: Ich suche nach den Lebensmitteln, von denen ich annehmen kann, daß sie möglichst wenig Gifte enthalten, und ich ärgere mich herum, weil diese Suche so schwierig und teuer ist. Eine Welt, die nach dem Gesetz des kältesten Egoismus funktioniert, ist unsere Realität. Ein Arbeitgeber, der sich am Bedürfnis der Letzten orientiert, ist immer noch eine Offenbarung Gottes.

(DS) Nachahmung Gottes

Die größte Gefahr, die ich unter uns wachsen sehe, ist eine spirituelle Sache: daß wir uns selber mit Schuldgefühlen erfüllen und handlungsunfähig bleiben. Das Gefühl der eigenen Ohnmacht trennt uns mehr von Gott als alles andere. Nichts ist so gottlos wie der Satz "Daran kann man nichts machen, so ist es eben." Und dieses Gefühl überwindet man nicht durch Werbekampagnen für die Kirchen, besse-re Selbstdarstellung in besserer Verpackung - und die Vorstellung, daß der Markt alles regle.

Immer mehr Menschen leiden unter unserer Ökonomie. Immer mehr Menschen leiden unter unserer Ökologie. Diese Marktwirtschaft ohne Eingriffe, die die Schwächsten beschützt, ohne das Menschen-recht auf Arbeit hat kein menschheitliches Modell, sie kann nur für einen Teil der Reichen funktionie-ren. Zur Zeit sind mehr als 75 Prozent aller Staaten nach unserem System des Neoliberalismus orga-nisiert. In neun von zehn dieser Staaten wird gehungert und verhungert. Hat der Markt nichts damit zu tun? Er kennt keine Bedürfnisse, nur Nachfragen, nach diesem Prinzip wird gehandelt. Wer nichts anzubieten hat, wonach Nachfrage besteht, ist tot. Denn das Bedürfnis selber ist nicht marktfähig.

Aber für Gott ist das Bedürfnis der Menschen das Wichtigste, es steht an erster Stelle, vor Produkti-vität und Leistung. Gott hört auch heute den Schrei seines Volkes wie einst in Ägypten, als er sagte "Ich habe den Schrei meines Volkes gehört." Er ist der, der unsere Bedürfnisse kennt, und er lebt dort, wo wir mit seinen Ohren hören. Das jüdische Volk hat gelehrt, daß wir Gott nachahmen sollen, es gibt da eine "imitatio Dei", eine nachahmende Nachfolge. Der Talmud lehrt, wir sollen den Verhaltenswei-sen des Heiligen nachfolgen: "Wie er Nackte kleidete - es steht nämlich geschrieben: Da machte der Herr, Gott, für den Menschen und für sein Weib Fellröcke, damit er sie bekleide -, so kleide auch du Nackte! Der Heilige, gelobt sei er, besuchte Kranke, wie geschrieben steht: Da erschien ihm der Herr bei den Eichen Mamres, so besuche auch du Kranke! Der Heilige, gelobt sei er, tröstete Trauernde, wie geschrieben steht: Es geschah nach Abrahams Tod: Da segnete Gott Isaak, seinen Sohn - tröste auch du Trauernde! Der Heilige, gelobt sei er, begrub Tote, wie geschrieben steht: Da begrub Er Mo-se im Tale - begrabe auch du Tote!

Wir sollten Gott nachahmen und die Arbeit und den Lohn anders verteilen, statt den Markt als die letzte Größe anzubeten.


Lehre uns, Minderheit zu werden, Gott,
in einem Land, das zu reich ist,
zu fremdenfeindlich und zu militärfromm.
Paß uns an deine Gerechtigkeit an,
nicht an die Mehrheit.
Bewahre uns vor der Harmoniesucht
und den Verbeugungen vor den großen Zahlen.
Sieh doch, wie hungrig wir sind
nach deiner Klärung.
Gib uns Lehrerinnen und Lehrer,
nicht nur schowmaster mit Einschaltquoten.
Sieh doch wie durstig wir sind
nach deiner Orientierung,
wie sehr wir wissen wollen, was zählt.
Verschwistere uns mit denen, die keine Lobby haben,
die ohne Arbeit sind und ohne jede Hoffnung,
die zu alt sind, um noch verwertet zu werden,
oder zu ungeschickt und zu nutzlos.
Weisheit Gottes, zeig uns das Glück derer,
die Lust haben an deinem Gesetz
und über deiner Weisung murmeln tags und nachts.
Sie sind wie ein Baum,
gepflanzt am frischen Wasser,
der Frucht bringt zu seiner Zeit.


(LS) Spuren Gottes

Die Gleichnisse Jesu machen Mut, nach den unscheinbaren Spuren Gottes in unserem Alltag zu su-chen: Spuren der Gesetze Gottes, Spuren der Barmherzigkeit und Liebe. Die Nachbarin, die ich rufen kann, wenn ich allein nicht mehr zurecht komme, sie bringt in mein Leben das Gesetz Gottes hinein. Sie fragt nicht, was habe ich davon, sie hilft mir. Freundinnen, die mich in der Not, die über meine Kräfte geht, täglich besuchen und unterstützen, sie sind liebevoll und barmherzig und ohne sie wüßte ich nichts von Gott. Die Frau, die die Drachme wiederfand, hat ihre Freundinnen und Nachbarinnen gerufen und sich mit ihnen gemeinsam gefreut. Jesus hat das Gleichnis erzählt, damit wir in dieser fröhlich lachenden Frauenrunde die Engel Gottes sehen können. Er will uns neue Augen geben, die Spuren Gottes zu sehen und selbst zu Nachahmerinnen Gottes zu werden. Das ist gar nicht so schwer, sagt das Gleichnis. Du mußt nur das Gesetz des Egoismus von dem der Liebe und Barmher-zigkeit unterscheiden können.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist in der christlichen Tradition fast durchweg antijudai-stisch ausgelegt worden. Man hat gesagt: der Gott der Juden, der entlohnt nach Leistung. Jesus bringt ein neues Gottesbild. So steht Jesus Gott der Liebe gegen den jüdischen Gott von Leistung und Verdienst. Damit ist das Gleichnis auf eine Ebene gebracht, die Religionen gegeneinander abgrenzt, aber nicht mehr vom Alltag der Menschen, von Tagelöhnern und Textilarbeiterinnen redet. Jesus hat das Gleichnis zu Männern und Frauen gesprochen, die um ihr Brot und das Wasser fürs Leben kämpfen mußten, für die Geld Überlebensgeld war. Sie hatten recht, das Gleichnis auf sich zu bezie-hen und wir sollten das auch tun: Das Gleichnis lehrt uns, die Spuren Gottes zu sehen.

Ich habe das Testimonium von Wendy Diaz, der 15jährigen Textilarbeiterin in Honduras vorgelesen. Ich möchte jetzt davon erzählen, daß es ein Mitmachprojekt gibt, wo wir hier Einfluß nehmen können, daß die Textilarbeiterinnen in den Billiglohnländern Arbeitsbedingungen und Löhne erhalten, bei de-nen sie leben können ohne krank zu werden. Niemand von uns möchte Kleider anziehen, die nur des-halb so billig sind, weil Frauen wie Wendy Diaz um ihr Leben gebracht und betrogen werden. Die Akti-on heißt: Kampagne für saubere Kleidung. Die Handlungsmöglichkeiten sind folgende:

Postkarten schicken an C & A, Otto Versand und Hennes und Mauritz, in denen diese Firmen gefragt werden, was sie bereit sind, für die Verbesserung der Situation der Textilarbeiterinnen, die ihre Pro-dukte herstellen, zu tun. Außerdem können wir die Geschäftsführung der Geschäfte, in denen wir einkaufen, entsprechend ansprechen.

Weiter: wer die Möglichkeit dazu hat, kann öffentliche Aufmerksamkeit für die schmutzige Produktion unserer billigen Kleidung herstellen. Schmutzig meint: schmutzig im Umgang mit Menschen. Diese Aktion ist eine Möglichkeit, das Leben unserer Nachbarinnen in den Textilfabriken zu beschützen, Liebe und Barmherzigkeit zur Welt zu helfen. Wir können das tatsächlich, Gottes Liebe und Barmher-zigkeit ist eine Einladung, uns an ihr zu beteiligen.

(LS) Dir will ich gehören

Gott, ewiger Gott
dir will ich gehören
du hast mir versprochen
daß ich nicht Sklavin der Menschen werde
daß ich nicht Sklavin der Götzen werde
deine Feste machen mich glücklich.
Gott, ewiger Gott
du lehrst mich die Lügen durchschauen
du lehrst mich die Opfer sehen
du machst mein Herz mutig
daß ich nach denen suche, die überflüssig gemacht werden
Gott, ewiger Gott
du hast mich besucht
als ich vor dem Tode erschrak
vor dem menschengemachten Tod
der Menschenopfer frißt
und von mir verlangt, ich soll schweigen
Gott, ewiger Gott
dir will ich gehören
du hast versprochen
daß ich nicht Sklavin der Menschen werde
daß ich nicht Sklavin der Götzen werde
Ich will dich loben, solange ich lebe

(DS) Töchter der Hoffnung


Ich möchte diesen Vorschlag, die Modemultis in die Verantwortung zu nehmen, der ursprünglich in Holland ausgedacht wurde und indessen in Frankreich, Belgien und der Schweiz praktiziert wird, un-terstützen, und ich möchte ihn ergänzen durch Hinweise auf zwei Versuche, die aus den Neuen Län-dern stammen. Der eine ist noch einmal die Erfurter Erklärung, ein Versuch, parteienübergreifend die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, die im Grundgesetz vorgegeben ist, einzuklagen. (Vertreter hier im Raum)
Das andere Projekt ist die GRÜNE LIGA, ein Gruppe von Menschen, die ökologisch und sozial arbei-ten und sich schon in der DDR-Zeit in den kirchlichen Umweltorganisationen zusammengefunden hatten. Heute arbeiten sie sehr dezentralisiert im Naturschutz, der Umwelterziehung, der Abfallver-meidung, des sanften Tourismus und einer biologischen Landwirtschaft, die Arbeitsplätze fördert, statt sie maschinell zu vernichten.
Ich freue mich immer wieder, wenn ich etwas entdecke, daß Hoffnung macht. Unser Gleichnis von den Letzten, die die Ersten werden, macht Hoffnung. Ich denke manchmal an den Kirchenvater Augu-stinus, der - in einer bemerkenswerten Abweichung vom Apostel Paulus - gelehrt hat, daß unter Glau-be, Hoffnung und Liebe die größte die Hofffnung sei! Warum? Weil sie uns lehrt, nicht nur daß Gott gut ist, sondern daß Gottes Wille zu dieser geliebten Schöpfung auch in Erfüllung geht. Dabei helfen der Hoffnung zwei liebliche Töchter, sie heißen ZORN und MUT - Zorn, damit das Nichtige auch nich-tig genannt werde, und Mut, damit das, was sein soll, auch sein wird. Ich wünsche uns allen, daß die Töchter der Hoffnung hier bei uns sind und uns begleiten, ich wünsche euch im Namen des heiligen Augustinus Zorn und Mut.

(DS) Glaubensbekenntnis


Ich glaube an Jesus Christus,
Sohn des Lebens, Bruder der Menschen,
Erstgeborener aller Schöpfung,
der uns an unsere Geschwister erinnert,
die Bäume und die Vögel des Himmels,
Schwester Wasser und Bruder Feuer.
Er verbindet uns mit allem, was lebt
auf unserem kleinen Planeten Erde.
Ich glaube an Jesus,
den Sohn des Lebens,
das uns geschenkt wird,
damit wir es weiter verschenken.
Er hat die Kranken geheilt und die Traurigen,
er hat die Hungrigen gespeist und die Verzweifelten,
ein Mitarbeiter der Schöpfung,
Die weitergeht an jedem Tag
in unserer Arbeit,
wenn wir unsere Heimat vor der Plünderung schützen,
unseren kleinen Planeten Erde.
Ich glaube an Jesus,
Sohn des Lebens und einer armen Muter,
arbeitsloser Zimmermann, dem heute das Menschenrecht
auf Arbeit genommen wird,
durch die Profitgeier der Mächtigen,
die wir noch immer dulden
auf unserem kleinen Planeten Erde.
Ich glaube an Jesus,
den Erstgeborenen aus dem Tode.
Sie konnten ihn nicht fertigmachen,
er ist von den Toten auferstanden,
er verbindet uns mit den Toten vor uns,
um die wir trauern,
und den Toten neben uns,
die wir nicht gerettet haben.
Sie sind alle unserre Schwestern und Brüder
auf dem kleinen Planeten Erde.
Ich glaube an Jesus Christus,
Kind des Lebens,
eine Schwester für alle Menschen,
die Wahrheit, die uns frei machen wird,
von dem Zwang auszubeuten
und aus dem Tode Profit zu schlagen.
In Christus spüren wir den Geist des Lebens
in einer todessüchtigen Welt.
Wir stehen auf, mit ihm zu kämpfen,
zu leiden und unser Leben zu geben,
bis Gott sei alles in allem
auf unserm kleinen Planeten Erde.

Amen

- Home Page -
Linie

Copyright © 1997 Deutscher Evangelischer Kirchentag
Produziert von der Internet Redaktion des 27. DEKT
E-Mail: redaktion@kirchentag.de