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"Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben" 27. Deutscher Evangelischer Kirchentag Leipzig 1997 - 18. - 22. Juni |
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Vortragsreihe
Im September 1989 verbrachte ich mit meiner Frau ein Sabbatsemester am Union Theological Seminary in New York. Einige Tage lang waren wir Gastgeber für den Direktor des Marxistischen-Leninistischen Instituts in Rostock. Er gehörte zu einer Gruppe von Theologen und Philosophen aus der Deutschen Demokratischen Republik, die in den Vereinigten Staaten zu Besuch war. Es war höchst ironisch, daß sich auf diese Weise ein marxistischer Professor aus Ostdeutschland und ein weißer, christlicher Theologe aus dem antikommunistischen, unter Apartheid lebenden Südafrika in den Vereinigten Staaten von Amerika begegneten! Trotzdem waren wir in dieser Woche auf eine Art miteinander verbunden, die keiner von uns hätte vorhersehen können. Denn das war die Woche der gewichtigen, weltverändernden Ereignisse, sowohl in Ostdeutschland als auch in Südafrika. Da saßen wir zusammen, die Ostdeutschen und die Südafrikaner, und haben es gemeinsam im amerikanischen Fernsehen angeschaut!
Unter den Meldungen der Woche gab es damals zwei, die unmittelbar nacheinander gesendet wurden. Die erste zeigte Fernsehfilme der Protestversammlungen in Leipzig und die Flucht ostdeutscher Bürger über die Grenze in die Tschechoslowakei; die zweite zeigte die Eskalation der Protestmärsche gegen Apartheid in Kapstadt, meiner Heimatstadt. Wie auch immer die Reaktion unseres ostdeutschen Gastes gewesen sein mag, wußten wir, daß dies für die Apartheid der Anfang vom Ende bedeutete. Darüber hinaus spürten wir, daß die dramatischen Ereignisse in Osteuropa in einem geschichtlichen Zusammenhang mit den Geschehnissen in unserem Land standen. Und das sollte sich bewahrheiten. Denn ohne den Zusammenbruch der Mauer in Berlin im Jahr 1989 wäre es unwahrscheinlich, daß die Wende in Südafrika zu dem damaligen Zeitpunkt stattgefunden hätte.
Aus gutem Grund hat man die Wiedervereinigung Deutschlands und den Übergang zur Demokratie in Südafrika als zwei der Hauptereignisse zur Neubildung der Weltpolitik im späten 20. Jahrhundert begrüßt. Einige behaupten sogar, diese Ereignisse bildeten den Auftakt zu einer neuen Weltordnung. Auch wenn wir dieser Behauptung heute etwas skeptischer gegenüberstehen, haben diese Ereignisse zweifelsohne den Gang der Geschichte verändert, egal wie wir sie bewerten. Etwas von gewichtiger Bedeutung ist in Deutschland und in Südafrika passiert, was unsere Leben und das Leben von vielen anderen in der ganzen Welt radikal beeinflußt hat.
Wer die Fernsehberichte über die prodemokratischen Proteste in Leipzig oder Kapstadt angeschaut hat, konnte die Anwesenheit von Priestern, Pfarrern oder gar Bischöfen - zumindest in Kapstadt! - unter den Führenden erkennen. Es gab auch viele andere unter den Menschenmassen, die aus christlicher Überzeugung und Verpflichtung dabei waren. Jawohl, Christen und einige Kirchenführer und -gruppen spielten eine Schlüsselrolle in jenen gewichtigen Ereignisse desÜbergangs, genauso wie sie bei der Wegbereitung dieser Veränderungen engagiert waren.
Wir sollten aber daran erinnert werden, der Beitrag der Kirchen zum Kampf gegen Apartheid war keineswegs eindeutig, er war zögernd und zweideutig. Einige Kirchen haben der Apartheid sogar die theologische Rechtfertigung geliefert. Sogar jene Kirchen, die Apartheid ablehnten, haben unsaubere Hände. Die Kirchen müssen vieles beichten an Schuld und Versagen. In der Mehrzahl der Fälle wurde die christliche Opposition gegen Apartheid den prophetischen Einzelgängern überlassen, den charismatischen Führern, den ökumenischen Gremien und den quasi-kirchlichen Organisationen. Zu oft versteckten sich die Kirchen hinter solchen mutigen Zeugnissen, statt sich prophetisch im Kampf für Gerechtigkeit und Befreiung zu engagieren.
Heute in der Zeit nationalen Wiederaufbaus versuchen jene Kirchen und Christen, die sich der Gerechtigkeit und der Versöhnung verpflichtet wissen, ihre Rolle erneut zu verstehen. Daß Demokratisierung, Säkularisierung und Pluralismus gleichzeitig den Rückzug von christlichem Glauben und Zeugnis aus dem öffentlichen Umfeld bedeuten, dürfen wir keinesfalls akzeptieren. Die Kirche, wie Dietrich Bonhoeffer in seinen Briefen aus dem Gefängnis argumentiert hat, soll sich im Zentrum der Stadt und nicht an ihren Rändern befinden. So wie der Kampf gegen Apartheid eine prophetische Theologie verlangte, die die Ideologie der Apartheid im Namen Jesu Christi herausforderte und sie als Irrlehre und falsches Evangelium entlarvte, so wird auch heute im Kampf gegen das Erbe der Apartheid und für eine gerechte Gesellschaft ein kritisches Zeugnis nötig sein, das jene prophetische Tradition fortsetzt.
Diese Aufgabe bezieht sich allerdings auf eine dramatisch veränderte Lage. Wie sollten wir das christliche Zeugnis verstehen, das sich nicht gegen eine böse Ideologie richtet, sondern im Zusammenhang mit einer säkularen, demokratischen Gesellschaft steht, die ihre Vergangenheit zu erlösen und eine neue Nation der Gerechtigkeit und der Versöhnung zu schaffen versucht? Christus zu bekennen angesichts der Götzendiener der totalitären Ideologien ist klar; Christus zu bekennen innerhalb einer multikulturellen, pluralistischen Demokratie ist wesentlich komplexer. Es bedurfte des Mutes, prophetisch von der Gerechtigkeit zu sprechen, als die Opfer und die Unterdrücker klar definiert wurden; aber die Teilnahme an demokratischer Veränderung und der Beitrag zur Bewahrung dessen, was im Kampf für Befreiung und Gerechtigkeit erreicht wurde, bedarf eines andersartigen Mutes: Mut, die Wahrheit zu sagen, Schuld zu bekennen, Feinden und Folterern zu vergeben, Mut und Wille, sich zu verändern und sich zu versöhnen, kurzum: Nötig sind Mut und Weisheit, der Zukunft zuliebe die Vergangenheit zu heilen. Für Christen bedarf es auch des Mutes, alle Ansprüche auf religiöser Herrschaft aufzugeben, und der Bereitschaft, Andersartige zu umarmen. Wie sollten wir also das christliche Bekenntnis in dieser Zeit demokratischen Wiederaufbaus verstehen?
Der Übergang zur Demokratie ist verhältnismäßig leicht im Vergleich zur Bildung einer gerechten und stabilen sozialen Ordnung, mit der sich die große Mehrheit der Bevölkerung identifizieren kann. Der Übergang zur Demokratie ist sehr zerbrechlich, er kann sehr leicht durch reaktionäre Kräfte unterminiert werden. Das wissen Sie sehr wohl aus Ihrer eigenen Geschichte, wenn Sie über das Schicksal der Weimarer Republik oder in jüngster Zeit über den Aufstieg des Neonazismus nachsinnen. Hoffentlich werden wir alle vor solchen Tragödien verschont, wie sie im ehemaligen Jugoslawien und in anderen Nationen vorgefallen sind, deren demokratische Bestrebungen durch das Wiederauftauchen uralter, noch nicht ausgetriebener Feindschaften gewaltsam zerschmettert wurden. Die Zeiten des Übergangs zur Demokratie sind Zeiten der Unsicherheit, da das Alte noch nicht überwunden und das Neue noch nicht angekommen ist. Die Dämonen der Angst, des Vorurteils und des Hasses lauern noch unter uns und warten auf eine Gelegenheit zur Rache.
So sind wir Zeugen eines Ausbruchs von gewaltsamen und irrationalen Taten geworden, die auf ethnischem Haß, auf Vorurteil und Angst basieren. Wir sehen einen Anstieg der Kriminalität sowie neue, bedrohliche Kräfte auf weltweiter Basis: mächtige Drogenkartelle und kriminelle Vereinigungen, die die gesellschaftliche Ordnung bedrohen. Wir sehen die Unfähigkeit, ja sogar den Unwillen, die Euphorie der Befreiung in eine Politik gerechten Wandels zu übertragen. Wir sehen Befreier, die die Einstellungen und die Rollen ihrer ehemaligen Peiniger übernehmen. Wenn wir es einmal theologisch ausdrücken wollen, wurden wir an die Durchdringlichkeit der Sünde erinnert. Wir müssen zwangsläufig erkennen, daß die menschliche Natur der Erlösung bedarf, wenn wir den Kreislauf von Gewalt und Rache, von exklusivem Nationalismus und ethnischem Haß durchbrechen wollen, um im anderen und im Feind ein Ebenbild Gottes und einen Partner in der Suche nach einerbesseren Welt zu erkennen. In solchen Zeiten kommen wir in die Versuchung, unsere Hoffnungen zu mißtrauen und in Verzweiflung zu versinken. Wie leicht können wir Christen uns aus dem öffentlichen Engagement in die individuelle Frömmigkeit zurückziehen.
Ein Teil des Problems besteht darin, daß wir unter solchen Umständen unseren Glauben an die demokratische Umwandlung zu verlieren drohen. Wir fragen: Kann die Demokratie überhaupt die Veränderungen herbeiführen, die unsere Gesellschaften brauchen? Kann die Demokratie die öffentliche Ordnung aufrechterhalten angesichts der steigenden Kriminalität und der ethnischen Gewalt? Es gibt viele Gründe für Skepsis und Zynismus. Es sind oft die lautesten Verfechter der Demokratie - ob Einzelpersonen oder Nationen -, die die Rhetorik der Demokratie als einen Nebelschleier einsetzen, um ihre eigene Macht und Privilegien zu stärken. Dann heißt die Demokratie Freiheit für einige, so zu tun wie sie wollen, aber wenig Freiheit für jene, die von der Armut und dem Mangel an Ressourcen zermürbt sind. Aber die wahre Demokratie hat mit einer gerechten Gesellschaft zu tun, in der alle Menschen gleichermaßen am Gemeinwohl teilhaben und dazu beitragen können. Das ist eine Gesellschaft, in der die wirtschaftliche Gerechtigkeit hohe Priorität hat, in der die Gleichheit der Geschlechter und die Abschaffung rassischer Diskriminierung verwirklicht wurden.
Also bedarf der Übergang zur Demokratie die demokratische Verwandlung der Gesellschaft, sollte er bestehen und nicht dem Mißbrauch der Macht zum Opfer fallen. Das ist die Herausforderung, der wir uns stellen. Es ist eine Herausforderung, die nationale Grenzen überwindet und uns miteinander verbindet, wo immer wir leben. Denn nur wenn wir die Gerechtigkeit für alle und nicht nur für uns selbst suchen, gibt es Leben für alle, auch für uns. Das hat Bruce Cockburn in einem seiner Lieder eindrucksvoll gedichtet:
jedermann
Aber wie sollten wir Gerechtigkeit für alle erreichen in Ländern und Kontinenten, die von Kriegsgeschehen, rassistischer Gewalt oder von sündhaften Systemen wie Apartheid zerrissen werden? Wie sollen wir ein Umfeld schaffen, in dem die Gerechtigkeit blühen kann: ein Umfeld, in dem moralische Werte aufrechterhalten werden und menschliches Leben respektiert wird? Wie sollten wir unsere Nationen wiederaufbauen, ohne neuen Nationalismus zu zeugen, der im Laufe der Zeit uns und andere zerstören wird? All diese Fragen sind äußerst relevant für ein prophetisches christliches Zeugnis und für die Rolle der christlichen Kirche.
Jedes Umfeld ist anders, und wir dürfen nicht das, was anderswo passiert, als die universelle Lösung romantisieren. Aber trotz unserer gegenwärtigen, vielfältigen und ernsthaften Probleme glaube ich, daß wir in Südafrika die entscheidende Hürde genommen haben. Wir sind eine Gesellschaft auf dem Weg zur gerechten Veränderung. Ein Teil des Grundes ist für mich die Erkenntnis, daß wir keine gerechte und friedliche Gesellschaft bauen können, bis wir unsere Vergangenheit verarbeitet, geheilt und erlöst haben. Uns der Wahrheit über unsere Vergangenheit zu stellen und zu begegnen, ist ein kritischer Schritt auf dem Weg der Gerechtigkeit. In der Tat, nur in dieser Weise können wir die historisch getrennten Teile unserer Gesellschaft miteinander versöhnen und eine gerechte Nation werden. Das ist grundlegend für unser Verständnis des Evangeliums Jesu Christi und steht deshalb im Mittelpunkt des christlichen Zeugnisses.
Herzstück einer gerechten Verwandlung der Gesellschaft ist das Bedürfnis, die Vergangenheit zu erlösen und zu heilen, daß heißt, die Erbschaft von Ungerechtigkeit und sozialer Unordnung zu überwinden. Wenn die Vergangenheit nicht geheilt wird, kehrt sie immer wieder zurück, um uns zu verunsichern. Wenn die Vergangenheit einfach in die tiefen Schichten des nationalen Unterbewußtseins versenkt wird, dann taucht sie unweigerlich mit erneuter Kraft wieder auf, um unsere soziale Ordnung mit Rachsucht und Zerstörung durcheinanderzuwerfen. Das ist ein Grund, warum der Übergang zur Demokratie so schwierig gewesen ist, und erklärt auch den Ausbruch der Gewalt. Auch wenn wir versuchen, Vergangenes zu vergessen, es zu verdrängen und zu ignorieren, trotzdem lebt es weiter in der Gegenwart. Je länger wir zögern, es zu verarbeiten, um so kräftiger und explosiv wird es.
Seit drei hundert Jahren ist Südafrika eine Region der gewaltsamen Auseinandersetzung und des Krieges. Allein im 19. Jahrhundert gab es viele sogenannte Grenzkriege zwischen den britischen Streitkräften und der einheimischen Bevölkerung. Das Jahrhundert gipfelte im ersten der großen modernen Kriege, dem Burenkrieg (1899-1902) zwischen den Briten und den Afrikaansern, den Buren. Dieser Krieg verwüstete das Land, führte das Konzentrationslager ein, tötete und verstümmelte Zivilisten aller Hautfarben, auch viele Schwarze (obwohl er "Krieg der Weißen" genannt wurde) und setzte Südafrika auf den Weg ins 20. Jahrhundert auf einer Welle von Bitterkeit, Haß und Konflikt.
Der Aufstieg des Afrikaanser-Nationalismus basierte, wie der Nationalsozialismus in Deutschland, auf jenem Krieg und auf den tiefen, niemals geheilten Wunden. Bis auf den heutigen Tag - und hier spreche ich als ein Südafrikaner englischer Abstammung - hat Großbritannien keine Schuldbekenntnis abgegeben, weder für die Verwüstungen der Kolonialkriege und der Unterjochung, noch für die Scheußlichkeiten begangen während des Burenkrieges. Vielmehr brachen die Narben dieser Wunden im Laufe des Jahrhunderts immer wieder auf. Dann wurde auf dieser gewalttätigen und ungeheilten Vergangenheit die Apartheid errichtet, Hirngespinst des Afrikaanser-Nationalismus, ein System des rassistischen Vorurteils, der Diskriminierung und des Hasses, das zunehmend gewalttätig wurde, da der Widerstand unweigerlich mit weiterer Unterdrückung beantwortet wurde. Mit der Eskalation des bewaffneten Konfliktes nach dem Soweto-Aufstand von 1976 und mit der zunehmenden Macht des südafrikanischen Militär- und Sicherheitssystems, glaubten nur wenige daran, daß sich eine Wendel ohne blutigen Bürgerkrieg und Revolution ereignen könnte.
Aber der Wandel zur Demokratie in Südafrika kam schließlich durch Verhandlung und nicht durch Revolution. Es hatte natürlich eine Menge Gewalt gegeben, bevor man sich am Verhandlungstisch traf. Aber zunächst im Jahr 1986, als die Unterdrückung ihren Höhepunkt erreicht hatte, begann Nelson Mandela hinter den Kulissen den Verhandlungsprozeß, der zu den bemerkenswerten Ereignissen zwischen Februar 1990 und dem überwältigenden Sieg des African National Congress (ANC) bei den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1994 führte. Während der Verhandlungen hatte man sich auf eine Regierung der nationalen Einheit (GNU) geeinigt, in dem die früheren Kontrahenten vertreten waren. Das war zwar schwer, aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Versöhnung. Ein weiterer Bestandteil der Verhandlungsergebnisse war 1995 die Einsetzung einer Kommission für Wahrheit und Versöhnung (TRC) durch das Parlament, um "eine Kultur der Menschenrechte zu entwickeln, ... damit die Leiden und die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit sich nie wieder ereignen". Das bezieht sich auf das Ära der Apartheid, speziell die Zeit von 1960, dem Jahr des Massakers in Sharpeville, bis 1990, obwohl die gesamte Vergangenheit unseres Landes auch in einem Sinn gemeint ist.
Die Dringlichkeit dieser Aufgabe wurde erkannt, aber auch das Bedürfnis, die Vergangenheit so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. So gewährte man der TRC zwei Jahre, um ihre Arbeit zu erledigen. Augenblicke der Gnade muß man wahrnehmen, wenn sie sich bieten. Je länger wir damit zögern, unsere Vergangenheit zu verarbeiten, um so weniger Chancen gibt es, ihr konfliktbeladenes Erbe zu überwinden und die Zukunft gerechter und friedvoller zu gestalten. Wir müssen uns der Vergangenheit stellen; wir müssen sie auch hinter uns bringen.
Die Ziele der TRC sind benannt im Gesetz zur Förderung der Nationalen Einheit und der Versöhnung und lauten:
Um diese Ziele zu erreichen, arbeitet die TRC durch ihre Ausschüsse für Menschenrechtsverletzungen, für Wiedergutmachung und Rehabilitation, und für Amnestie.
Obwohl die Kommission vom Staat gegründet und finanziert wurde, hat sie die Freiheit, selbständig ohne Einmischung des Staates oder politischer Parteien und Organisationen zu handeln. Sie ist außerdem mit erheblichen Mitteln ausgestattet worden, um ihre Aufgabe zu erledigen. Es ist bemerkenswert, daß die siebzehn, nach einer langen Reihe von Anhörungen berufenen Kommissionsmitglieder einen Querschnitt des breiten politischen Spektrums in Südafrika vertreten, und daß eine ganze Reihe von ihnen Christen, darunter der Vorsitzende, Bischof Desmond Tutu, oder gläubige Mitglieder anderer religiöser Gemeinschaften sind. Darüber hinaus, ist die TRC dazu verpflichtet, vergangene Verletzungen der Menschenrechte zu behandeln ohne Rücksicht auf Partei oder Person, also auch unter Einschluß der Befreiungsbewegungen, was ein unverzichtbarer Schritt zum Nachweis ihrer Integrität und Glaubwürdigkeit bedeutet.
Von Anfang an hat die Kommission den Vorrangstatus der Opfer der gravierendsten Menschenrechtsverletzungen anerkannt. Zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gehörte es, daß diese Menschen ihre Geschichten erzählen dürfen. Die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, ist für die Opfer zwar eine bedrückende Erfahrung; die Gelegenheit, von ihrem Schicksal zu berichten, wirkt andererseits therapeutisch und moralisch stärkend. Es ist auch eine kräftige Herausforderung für das Gewissen der Nation, besonders für die weißen Südafrikaner. Eines der bemerkenswertesten Merkmale der Aussagen der Opfer war die Bereitschaft von vielen unter ihnen, denjenigen zu vergeben, die sie gepeinigt, unterdrückt oder ihre liebsten Menschen ermordet hatten. Die TRC ist zur Zeit mit einem Programm der Wiedergutmachung beschäftigt und hat eine Spendenaktion gestartet, um vier Milliarden Rand (etwa drei Millionen DM) als Hilfe zum Neubeginn ihres Lebens zu sammeln. Es ist entscheidend für die Versöhnung, daß dies gelingt.
Die Geschichten der Opfer sind sehr wichtig, aber auch die Schuldbekenntnisse der Verbrecher sollen gehört werden, ob von den Verteidigern der Apartheid oder von den Befreiungskämpfern. Nur auf diese Weise können wir die Wahrheit erfahren über das Geschehene. Das war vorher gewiß nicht möglich, obwohl es viele Untersuchungsausschüsse und Gerichtsprozesse gegeben hat. Auf bemerkenswerte Weise und in einem erstaunlichen Ausmaß kommt jetzt der ganze Horror des Apartheid-Äras zum Vorschein. Die Geschichten von massiven Menschenrechtsverletzungen seitens der Kämpfer gegen Apartheid sind auch gebeichtet worden. Nur wenn die Täter, egal von welcher Seite, bereit sind, die Wahrheit zu erzählen und ihre Schuld zuzugeben, kann ihnen Amnestie gewährt werden. Auf diese Weise unterscheiden sich die Amnestiebedingungen des Mandats für die TRC von der Gesetzgebung in manchen lateinamerikanischen Ländern, die Straffreiheit den Verbrechern gewährt ohne jegliche Anerkennung von Schuld, ohne Angabe ihrer Vergehen oder ein Zeichen der Reue. Das bedeutet unvermeidbar, daß die Straffreiheit im Gegensatz zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit steht.
Wie in Lateinamerika, so gibt es auch in Südafrika Menschen, die jedwede Amnestie strikt ablehnen und geltend machen, dies würde den Gang der Justiz bedrohen. Wer in der TRC mitarbeitet, weiß wohl um diese Gefahren. Das ist sicher eine diffizile Angelegenheit, aber es gibt in Südafrika keine Pauschalamnestie. Amnestie ist auch nicht mit Amnesie (Gedächtnisschwund) gleichbedeutend, denn sie basiert auf der Erzählung der Wahrheit. Sie bedeutet auch keine Mißachtung der Justiz, denn eine gerichtliche Verfolgung ist denjenigen gewiß, die sich nicht an den Kriterien halten. Aber im Endeffekt hat man sich in Südafrika daran erinnert, daß die Wende durch Verhandlungen erfolgt ist, und sich notfalls für einen Verzicht auf Vergeltungsjustiz zugunsten der Versöhnung und des Gemeinwohls ausgesprochen. Die TRC ist kein Nürnberger Prozeß auf südafrikanisch. Diese zwar schwierige Entscheidung ist gewiß eine genauso moralische Entscheidung wie das Aufrechterhalten des Gesetzes durch Vergeltung und Strafe. Bei einem Gerichtsprozeß versuchen die Schuldigen alles Mögliche, um die Wahrheit zu vertuschen; aber vor der Kommission wissen sie, ihr eigener Weg in die Freiheit führt über das Erzählen der Wahrheit.
In der Tat, die Wahrheit zu erzählen, die Täter dazu zu zwingen, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und ihre Schuld anzuerkennen, - auch wenn es zur Amnestie kommt, das sind die unverzichtbaren Bestandteile zur Wiederherstellung der moralischen Ordnung in der Gesellschaft. Sollten die Verbrecher einfach davonkommen, dann ist die Gesetzesmacht unterminiert; andererseits, sollte die Strafe so ausfallen, daß sie zu einer Vertiefung der Risse in der Gesellschaft führt, Feindschaften und Ressentiments vermehrt und eine Versöhnung vereitelt, dann könnte das Gesetz ebenfalls durch einen Rückfall in Gewalt und Rachsucht gefährdet werden. Letztendlich waren die Täter, die im Apartheid-Ära Verbrechen begingen, häufig selber Opfer dieses Systems. Eigentlich sollten die Architekten der Apartheid und die Autoren der Sicherheitspolitik vor Gericht gebracht werden, und das geschieht jetzt zu einem gewissen Grad.
Aber zur Versöhnung gehört es nicht nur, die Schuldigen zu bestrafen, sondern auch die Einstellungen und das Verhalten der ehemaligen Gegner zu verändern. Wer Verbrechen begangen hat, muß sich der Wahrheit über die Vergangenheit stellen, um sich zu verändern, um seine Menschlichkeit wiederzuerlangen und sich am Aufbau der Nation zu beteiligen. Und er muß die Wahrheit erzählen, damit diejenigen, die Apartheid unterstützten, stillschweigend akzeptierten oder davon profitierten, das Ausmaß von Leid und Tod erfahren, die durch ihre Unterstützung ermöglicht wurde. Einige Leute könnten behaupten, sie hätten damals "nichts gewußt". Nach Abschluß der Arbeit der TRC wird niemand das jemals mehr sagen können. Die Wahrheit wird nicht nur in den Berichten der TRC festgehalten, sie wird in unsere Geschichtsbücher hineingeschrieben und in unsere Herzen und Gewissen eingeprägt. Das Wesentliche ist nicht, daß die eine oder die andere Partei über die anderen siegt, sondern daß die ganze Nation als Sieger hervorgeht.
Das christliche Zeugnis erfordert auch, daß sich die Kirchen in Südafrika der Wahrheit über ihre Vergangenheit stellen. Es ist bereits gesagt worden, die Rolle der Kirchen im Kampf gegen Apartheid war zweideutig. Einige Kirchen haben die Apartheid offen unterstützt, andere haben dagegen mit Worten aber viel zu selten mit Taten protestiert, wiederum andere schwiegen in einer Art vermeintlicher Neutralität. Wenn die Kirchen eine wichtige Rolle bei der Heilung der Nation und bei deren gerechter Verwandlung spielen sollen, dann müssen sie zu den ersten gehören, die sich der Wahrheit stellen, ihre Schuld bekennen und Gnade und Vergebung suchen. Ist das nicht genau die Botschaft des Evangeliums: Wahrhaftig sein in Bezug auf die Vergangenheit, eigene Schuld bekennen, den Feinden verzeihen, für Gerechtigkeit und Versöhnung arbeiten? Wir müssen auch die Frage stellen: Wie sollten die Kirchen Instrumente der nationalen Versöhnung sein, wenn sie selber getrennt und unversöhnt untereinander bleiben?
Die Arbeit der TRC ist in der Regel öffentlich, und die Anhörungen haben beinahe eine eigene "Liturgie" entwickelt. Tagtäglich werden bei den Anhörungen, auch bei Fernseh- und Rundfunkübertragungen, die Erinnerungen an die Vergangenheit wieder durchlebt und geheilt durch Beichte, Vergebung und eine Verpflichtung zur Wiedergutmachung. Das Ritual ist immer schmerzlich und manchmal schockierend, aber es ist voller Gnade, Gerechtigkeit und Hoffnung. Einige Kritiker der Kommission argumentieren, daß diese Arbeit alte Wunden aufreißt und den Fortgang der nationalen Versöhnung gefährdet. Aber das Gegenteil wird jetzt offensichtlich. Die TRC demonstriert die moralische Kraft und die politische Bedeutung, die in Wahrhaftigkeit und Vergebung stecken. Denn die Wahrheit über die Vergangenheit zu erzählen, reicht nicht allein zur Heilung aus; das könnte sogar tatsächlich zu gewaltsamen Racheakten führen.
Was notwendig ist, ist in den Worten Friedrich Nietzsches "das Erlösen der Vergangenheit". Die Vergangenheit zu erlösen heißt, sie so zu erinnern, daß sie die Gegenwart verwandelt und Hoffnung für die Zukunft bringt. Denn wenn die Vergangenheit noch nicht geheilt oder erlöst wurde, dann wirkt das Erinnern wie ein Fächer an der Glut eines fast erloschenen Feuers, das dann wieder auflodert und uns verschlingt. Andererseits, wenn die Vergangenheit geheilt worden ist, dann bewirkt das Erinnern für uns die Möglichkeit, uns zu verändern, stärkere Beziehungen mit anderen zu entwickeln und zu gegebener Zeit die Vergangenheit hinter uns zu bringen. Das ist offensichtlich entscheidend für den Versöhnungsprozeß und des Aufbaus der Nation. Was Nietzsche freilich nicht verstanden, sondern eher belächelt hat, war dies: Die einzige Art, die Vergangenheit zu erlösen, ist nicht die Rache, sondern der Mut zum Vergeben. So erinnert uns der amerikanische Theologe Donald Shriver:
Vergangenes, noch schmerzendes Übel anschauen und vorrangig die Wahrheit über das Geschehene suchen; den Lockungen der Rache widerstehen; Empathie - nicht Entschuldigung - für die Täter des Übels und die darunter Leidenden zu empfinden; seitens der Leidenden, das Leben neben den Übeltätern oder deren politischen Nachfolger wirklich aufnehmen wollen. Darin besteht der moralische Mut der Vergebung.
Vergebung ist ein Wort, das uns leicht über die Lippen geht, besonders wenn wir nicht zu den Opfern von Unterdrückung und Ungerechtigkeit gehören. Es ist für uns ein Leichtes, die Opfer zu bitten, ihren Feinden zu vergeben; es ist auch für die Unterdrücker relativ leicht, um Vergebung zu bitten. Aber die Vergebung ist das Vorrecht der Opfer. Keiner von uns, die wir keine Opfer sind, darf ihnen sagen, sie sollten ihren Feinden vergeben, auch wenn wir von der absoluten Notwendigkeit überzeugt sind. Die Mitglieder der TRC-Kommission haben in zunehmendem Maße erkannt, daß es gefährlich ist, das Tempo der Vergebung forcieren zu wollen. Es ist gleichermaßen notwendig, daß die Menschen ihren Unwillen zur Vergebung, ja sogar ihre Rachegefühle, offen aussprechen dürfen. Das Problem ist, daß die Vergebung selber von den Starken manipuliert werden kann, um ihre eigene Macht zu stärken und die Opfer noch mehr zu schwächen. So wird die "Vergebung" zu einem Werkzeug bei der Manipulation von Machtbeziehungen. Sie macht die Unterdrückten erneut zum Opfer der Ungerechtigkeit. In diesem Zusammenhang kann man die Tatsache sehen, daß ehemalige Apartheidverbrecher ihre Rolle in der Vergangenheit mit kaum einem Zeichen der Reue bekennen und die Gelegenheit nützen, ihre Taten im nachhinein zu rechtfertigen.
So zögern wir, die wir keine Opfer sind, von Vergebung zu sprechen. Gleichzeitig müssen wir die Aussagen jener Opfer beachten, die vergeben gelernt haben, und die Kraft der Vergebung zur gesellschaftlichen Veränderung und zur Versöhnung erkennen. Aber zunächst ist es wichtig zu erkennen, daß die wahre Vergebung nicht darin besteht, die Vergangenheit leichtfertig beiseite zu schieben und die Ungerechtigkeit gering zu achten. Im Gegenteil, die Vergebung entsteht aus der tiefen Erkenntnis des begangenen Übels. Die Vergebung, die von Jesus von Nazareth gepredigt wurde, war nicht billig und schloß den "gerechten Zorn" nicht aus. Präsident Nelson Mandela hat das gut zum Ausdruck gebracht, als er schrieb: "Im Gefängnis nahm mein Zorn gegenüber den Weißen immer ab, während mein Haß für das System wuchs. Südafrika sollte sehen, daß ich sogar meine Feinde liebten, während ich das System haßte, das uns gegenseitig zu Feinden machte."
Nur diejenigen, die wahrhaftig zornig über begangenes Unrecht sind, können wirklich beginnen, Vergebung zu üben, oder wissen, was sie bedeutet. "Christen haben zu häufig Vergebung, Liebe und Akzeptanz unterstützt, aber gleichzeitig die moralische Kraft von Zorn, Haß und Rache nicht erkannt." (Gregory Jones), Aber damit wird die Sündhaftigkeit der Sünde nicht ernst genommen; das würde die Realität des Bösen verneinen; das würde die Botschaft des Kreuzes vermeiden. Denn sollte die Kreuzigung Jesu irgendeine Bedeutung haben, dann diese: Gott mußte in die Hölle hinabsteigen, um die Welt zu erlösen. Die Erlösung konnte nicht durch ein höfliches Wort der billigen Gnade kommen, sonst wären Jesu Worte vom Kreuz ausreichend: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Dann hätte er nicht die Gottverlassenheit und den Tod erleben müssen.
Vergebung heißt nicht, die Unterdrücker und die Peiniger zu entschuldigen. Vielmehr verlangt die Vergebung, daß die Übeltäter ihre Taten anerkennen, daß sie die Verantwortung dafür übernehmen und deshalb daß sie Rechenschaft ablegen gegenüber ihren Opfern und dem Gesetz. Die Vergebung schließt die gerechte Strafe nicht aus. Sie schließt allerdings die Rache und die ewige Fortsetzung des Gewaltkreislaufs aus. Die Vergebung strebt nach der Gerechtigkeit, die zum Aufbau der Gemeinschaft und zur Wiederherstellung der Menschlichkeit hinführt. Um dem Feind zu vergeben und ihn zu umarmen, - was Versöhnung bedeutet -, erfordert es nicht nur das Bekennen der Wahrheit, sondern auch einen leidenschaftlichen Willen und die Verpflichtung zur Versöhnung. Natürlich meinen wir nicht mit Versöhnung jene "billige Versöhnung", die bereits im "Kairos-Dokument" abgelehnt wurde, sondern die Versöhnung, die von Buße und Gerechtigkeit herkommt.
Das Bemerkenswerte am Beispiel von Präsident Mandela ist nicht nur, daß er diese Verbindung zwischen Gerechtigkeit und Versöhnung erkannte, sondern daß er auch die Notwendigkeit sah, den ersten Schritt in Richtung Versöhnung zu tun, nämlich den Schritt der Vergebung, als Mittel zum Erlangen der Gerechtigkeit. Er wußte um die Kraft der Feindesvergebung. Hätte Mandela nicht das Recht, nach neunundzwanzig Jahren im Gefängnis die Rache und die Vergeltung zu suchen? Aber er hat die Kraft der Vergebung gezeigt, die den Gewaltkreislauf anhält, die gesellschaftliche Verädnerung bringt und das Land auf den Weg zur Versöhnung auf der Grundlage der Gerechtigkeit setzt.
Die wahrhaftige Vergebung, die vom Opfer geübt wird, verneint weder die Vergangenheit noch die Notwendigkeit der fälligen Strafe. Sie erkennt auch die Notwendigkeit, daß die Vergangenheit geheilt werde und daß die Strafe nicht zur Rache oder Rachsucht wird. Und solche Vergebung ist eine Macht, eine moralische Macht der Verwandlung. Die richtig verstandene Vergebung ist das Ausüben der Macht in Schwachheit und scheinbarer Torheit. Es ist die Macht des Kreuzes, von der der Apostel Paulus spricht (1 Kor 1,18-25). Sie ermächtigt die Opfer und unterminiert die Macht der Unterdrücker. Die Vergebung bedeutet nicht politische Naivität, auch wenn sie kindisch und sogar töricht erscheint; die Vergebung ist vielleicht ein Risiko, aber das Risiko geht man auf der Basis von moralischer Einsicht und von politischem Scharfsinn ein. Wer denn behauptet, die Vergebung sei eine private, interne Angelegenheit zwischen Gott und dem einzelnen, oder zwischen zwei einander fremd gewordenen Menschen, und habe keinerlei politische Bedeutung, dem ist widerlegt worden.
Heißt aber das Vergeben auch das Vergessen? Wie oft sagen die Unterdrücker und die Peiniger: "Laß die Vergangenheit ruhen." In der Tat, viele weiße Menschen (und auch Kirchen), die keine Verbrechen der Apartheid persönlich begangen haben, aber sicherlich vom System profitierten, wollen die Vergangenheit vergessen, auch wenn sie keine Anzeichen der Reue für ihre Mitwisserschaft in der Apartheid zeigen. Wenige von ihnen sind anscheinend bereit, ihre Unterstützung für Apartheid zuzugeben, und viele wollen ihre Privilegien nicht aufgeben, damit die Kosten der Wiedergutmachung und die dringend nötige Neuverteilung von Vermögen und Ressourcen unterstützt werden. Solche Einstellungen sind weder ein Zeichen der Reue noch führen sie zur Veränderung. Kein Wunder, daß Opfer nicht vergessen wollen, die möglicherweise zum Vergeben bereit wären. Recht so. Die Vergebung bedarf des Erinnerns, nicht des Vergessens. Sie bedarf der Erinnerung an das, was den Lieben, den Weggefährten oder einem selber passiert ist.
Aber gibt es nicht doch einen Augenblick, wo man die Vergangenheit hinter sich lassen und vergessen muß? Ist es nicht die tiefste Einsicht des biblischen Glaubens, daß Gott sich unser erinnert in unserer Not, aber unsere Missetaten wegtilgt? "Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel." (Jesaja 44,22). In seinen kraftvollen Besinnungen über den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien stellt der Kroatische Theologe Miroslav Volf diese Frage mit erheblicher Kraft und Einsicht. Er schreibt:
Wenn die Opfer sich richtig erinnern, wird die Erinnerung an vergangenen Unmenschlichkeiten sie und uns alle vor den zukünftigen Unmenschlichkeiten schützen; wenn die Täter sich richtig erinnern, die Erinnerung an ihre Missetaten wird ihre schuldige Vergangenheit wieder herstellen und sie zu einem fruchtbaren Boden verwandeln, auf dem eine hoffnungsvollere Zukunft gedeihen kann.
Aber, so fährt er fort:
Wenn wir Missetaten erinnern müssen, um in einer unsicheren Welt sicher zu sein, dann müssen wir deren Erinnerung loslassen, um völlig erlöst zu werden ... schließlich werden nur die, die zum Vergessen bereit sind, sich auch richtig erinnern können.
"Sich auch richtig erinnern." Vieles hängt davon ab, wie wir uns an die Vergangenheit erinnern. Denn Erinnerungen können, wie wir schon vermerkt haben, zum Rächen zurückkehren.
In einem tiefen Sinn fängt die Erlösung der Vergangenheit damit an, wenn die Wahrheit über die Vergangenheit erzählt wird, ob von den Opfern, die ihre leidvollen Geschichten mitteilen, oder von den Tätern, die ehrlich ihre Terrorakte bekennen. Aber wie oft haben wir Denkmäler errichtet, nicht um die Vergangenheit zu heilen, nicht als Symbol der Vergebung unserer Feinde, sondern als ewige Erinnerung an das Unrecht, das wir erlitten haben. Solche Denkmäler werden zu Gedenksteinen der Vorurteile und des Hasses; als solche dienen sie nicht einfach zur Erinnerung an das Leiden der Vergangenheit und zur Ehre der Opfer, sondern werden zu Mitteln der Selbstverherrlichung und zur Legitimation von unseren eigenen chauvinistischen, nationalistischen und ethno-zentrischen Zielen. Südafrika hat viel zu viele solche Denkmäler - ich vermute, daß das auch in Deutschland der Fall ist. Wenn wir Denkmäler errichten wollen, dann lieber solche, die die Vergangenheit erlösen und heilen, und keine, die früheres Unrecht fortsetzen. Das machen wir zur Zeit in Robben Island, der Gefangeneninsel, wo Präsident Mandela und viele andere politische Gefangene eingekerkert wurden.
Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Feier des Abendmahls, das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Jesu Christi, dem Opfer unserer Sünden. Das Abendmahl ist ein Gedenken an Gottes Verurteilung des Bösen, aber auch an Gottes Vergebung und Versöhnung. Vor Gott sind wir alle schuldig. Keiner von uns hat das Recht auf Rache. Das ist die Botschaft des Kreuzes. Wir, die wir alle schuldig sind, wurden freigesprochen. Keiner von uns hat das moralische Recht, Rache zu üben. Wir sind alle dazu verpflichtet, Gerechtigkeit zu tun und für die Versöhnung zu arbeiten. Nur solche Denkmäler, die uns an diese Verpflichtung erinnern, sind Hoffnungszeichen für die Zukunft. Das ist gemeint mit dem Begriff "Sich richtig erinnern" - es heißt, die Vergangenheit so erinnern, daß die Zukunft damit für neue Möglichkeiten und zum Aufbau einer gerechten Gesellschaft eröffnet wird. Die Gerechtigkeit muß über die Rache siegen, und dieser Sieg muß sichtbar sein; aber die Gerechtigkeit muß noch mehr leisten, sie muß Gemeinschaft bilden. Deshalb muß die Gerechtigkeit Hoffnung für eine Zukunft wecken, die das Wohl aller ermöglicht.
Diese Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer zu einer Zeit, da es wenig Hoffnung und viel Verzweiflung gab. Kurz darauf wurde er verhaftet, gefangengenommen und schließlich von der Gestapo ermordet. Bonhoeffers Worte waren für einige von uns eine große Ermutigung während des Kampfes gegen die Apartheid. Die bringen zum Ausdruck, was es bedeutet, in der Hoffnung zu leben. Trotz der Warnungen vor einer Umweltkatastrophe, die wir äußerst ernst nehmen sollten, haben wir an der Schwelle zum dritten christlichen Jahrtausend erheblichen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Es wäre vielleicht klüger, wie Bonhoeffer auch schrieb, "pessimistisch zu sein; vergessen sind die Enttäuschungen und man steht vor den Menschen nicht blamiert da. ... Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft, soll niemand verähtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt; er ist die Gesundheit des Lebens ..."
In einigen Teilen der Welt grassiert zur Zeit eine Krankheit mit dem Namen "Afropessimismus". Das ist eine alte Krankheit mit ihren Wurzeln in der Angst vor dem Unbekannten, in diesem Fall vor dem "schwarzen Kontinent". Heute geht es nicht so sehr um die Angst vor dem Unbekannten, sondern eher um den Glauben, Afrika sei ein Notstandsgebiet, gefangen in einer Abwärtsspirale von Rassenkriegen, wirtschaftlichem Unvermögen, korrupten Diktaturen und schreiender Armut. Die jüngsten Ereignisse in Ruanda, Burundi und Zaire haben diesem vorahnenden Pessimismus Vorschub geleistet. Aber es muß festgestellt werden, daß der "Afropessimismus" eine Erklärung für die Reaktion der restlichen Welt auf die Nöte Afrikas liefert. Er hilft vielen Menschen im Westen, die Vergangenheit zu vergessen. Die Rolle der europäischen Mächte in der kolonialen Unterdrückung Afrikas zu vergessen, beim Sklavenhandel, bei der Zerstörung der Wirtschaft durch den Raubbau an den Rohstoffen. "Afropessimismus" verhindert den Westen daran, auf die Bedürfnisse Afrikas so zu reagieren, daß dieser Kontinent die vergangenen, häufig auf Kolonialismus zurückgehenden Fehler überwinden kann. Die wirtschaftlich mächtigen Nationen müßten zumindest eine größere Bereitschaft zeigen, die enormen Schuldenlasten der afrikanischen Länder zu tilgen, die Wiederaufbau und Entwicklung unmöglich machen.
Vor dem Jahr 1994 gab es eine besondere Variante dieser Krankheit, die ich "Südafrika-Pessimismus" nennen möchte. Ich erinnere mich an ein Treffen mit einer Gruppe von Sozialwissenschaftlern vor der Wahl 1994. Ihre Analyse zeigte, daß friedliche und faire Wahlen unmöglich stattfinden konnten, und gab dem erfolgreichen Übergang zur Demokratie kaum eine Chance. Ich hörte ihnen den größten Teil des Tages zu, dann platzte ich: "Solches Gerede basiert vielleicht auf logischen Argumenten, aber ihm fehlt das Einzige, was zur Veränderung der Geschichte notwendig ist. Ihm fehlt die Hoffnung. Nur diejenigen, die in der Hoffnung leben, können die Zukunft gestalten." Das christliche Zeugnis hat einmal wieder eine entscheidende Verantwortung für lebendige Hoffnung. Die Politik ist die Kunst der Gegenwart; aber die christliche Hoffnung sucht ihre Verwandlung.
Leben und arbeiten in der Hoffnung - das ist das Thema des christlichen Glaubens, gerade das ist es, was uns mit dem Mut und dem Willen ausstattet, an der Verwandlung der Gesellschaft teilzuhaben. Gerade weil Präsident Mandela und viel andere Menschen Hoffnung für die Zukunft Südafrikas hatten, konnte die Wende Wirklichkeit werden. Solche Hoffnung basiert nicht auf Illusion oder Wunschdenken. Wir müssen vorsichtig sein und keine falschen, utopischen Hoffnungen wecken, die eine Bodenhaftung mit der konkreten Wirklichkeit verlieren und uns sogar daran hindern, die notwendigen Ziele zu erreichen. Christen müssen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sorgfältig analysieren, um zur öffentlichen Debatte beizutragen.
Der Weg der Gerechtigkeit und der Versöhnung ist lang und schwierig, ein Kampf um jeden Zentimeter, aber die Vollendung der Geschichte, die Schaffung "eines neuen Himmels und einer neuen Erde", liegt in Gottes Hand und nicht bei uns. Wir können trotzdem nur an dieser Aufgabe mitwirken, wenn wir in der Hoffnung leben und handeln, daß diese Welt zwar niemals vollkommen, aber doch gerechter werden kann. Die biblische Vision einer gerechten Welt, die Vision des "Schalom", gibt uns Kraft und Motivation bei unseren Bemühungen, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Das ist eine Vision, die uns kontinuierlich in die unbekannte Zukunft hineinführt, aber sie verlangt eine konkrete Form jetzt und hier, sie drängt uns zum Handeln. "Mag sein, daß der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht." Als Christen, ob in Südafrika oder in Deutschland, müssen wir diesen Augenblick ergreifen und darin eine Gelegenheit zur Gnade und zur Erlösung erkennen.
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