"Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben"
27. Deutscher Evangelischer Kirchentag
Leipzig 1997 - 18. - 22. Juni
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Es gilt das gesprochene Wort!
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Themenbereich: Glaube und Kirche
Veranstaltung: Vortragsreihe

Marlene Crüsemann, Bielefeld

Alte Messe, Halle 4; Donnerstag, 19. 6. 97; 11:00 Uhr

Gerechtigkeit als Beziehung - Ein biblisch-theologischer Vortrag

"Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben" - mit der Losung des Kirchentags versuchen wir, die Bedeutung von Gerechtigkeit für das einzelne Leben und für die Verflochtenheit der vielen Lebenswege neu zu lernen. Doch hat sie selbst einen Lebensweg. Gerechtigkeit ist ins Leben gerufen worden durch die Geschichte Gottes mit Israel und der Völkerkirche. Einige der Etappen, Kreuzungen, Herbergen, Abgründe und Wohnstätten, welche die Gerechtigkeit auf ihrem Lebensweg, in ihrer Biographie erreicht hat, wollen wir uns in dieser Stunde vergegenwärtigen. Erstaunlich ist ja, daß mit den Kirchen in unserer Gesellschaft immer noch ein Ort existiert, wo von Gerechtigkeit gesprochen wird, vielmehr gesprochen werden muß, denn sie ist ein Hauptwort der Bibel, das Reden von ihr "der rote Faden" der Schrift (Walter Dietrich). So besteht Grund zur Hoffnung, daß die arme Gerechtigkeit, die bisweilen spinnwebenbedeckt im Keller der Kirche sitzt, wieder heraufkommt in das Gemeindezentrum, wo pausenlos die Steuereinnahmen durchgerechnet werden. Die Frage ist, mit welchen Visionen unsere Kirche überleben kann. Ein kürzlich in Hamburg stattfindender Kongreß unter dem Motto "Unternehmen Kirche" förderte allen Ernstes folgende Aussicht: Die Kirche als erstklassige Spenderin von Trost und Sinn solle dies auch vornehmlich tun. So könne sie sich als Top-Angebot inmitten des wachsenden Therapie- und Esoterikmarkts gewinnbringende Anteile sichern. Aber würde daraus etwas anderes entstehen als weitere Vereinzelung und Isolierung derjenigen, die zu den Loosern und Absteigerinnen gehören, wenn auch nun getröstet, oder besser vertröstet? Und sollen die Gewinner in ihrem rücksichtslosen Vorwärtsgehen auch noch mit kirchlichem Zuspruch von Sinn und Segen belohnt werden, wenn sie mal eine melancholische Stunde haben?

Wenn also der Glaube privatisiert wird, damit selbst die Kirche als eine Art Unternehmen immer mehr um sich selbst kreisen kann, dann brauchen wir Hilfe aus aller erstickenden Selbstbezogenheit. Die Gerechtigkeit kann das, denn sie ist ein Begriff der Beziehung. Sie existiert recht eigentlich nur in Beziehungen, verstanden als Verbundenheit und Solidarität. Und sie stiftet eine Verbundenheit, die uns ermächtigt, über uns hinauszuwachsen in einem gemeinsamen Handeln. Die feministische Theologin Carter Heyward spricht in ihrem einflußreichen, unter Bezug auf Martin Buber entstandenen theologischen Entwurf von einer wachsenden Macht für alle in gerechten Beziehungen. Gerechtigkeit ist etwas elementar Irdisches. Sie sorgt dafür, daß alle Anteil an einem guten Leben in Ehre und Lebensfreude bekommen sollen. Was hat es auf sich mit diesem Wort des Alten Testaments, das, wie Gerhard v. Rad sagt, von zentraler Bedeutung ist für "alle Lebensbeziehungen des Menschen": zu Gott, zu anderen Menschen, zu Tieren und zu "naturhafter Umwelt", diesem "höchste(n) Lebenswert", auf dem alles Leben beruht, "wenn es in Ordnung ist"?.

Begriff und Sache der biblischen Auffassung von Gerechtigkeit lassen sofort und immer wieder erkennen, daß sie alles andere verkörpert als etwas Düster-Drückendes einer unerfüllbaren Forderung oder ein Maß, das für alle zu groß ausfällt. Gepriesen wird in vielen Texten vielmehr etwas vorstellbar Schönes: Sie ist ein Regen, der aus Wolken regnet. Berge und Hügel tragen sie. Sie ist ein Mantel, in den man sich hüllt. Keine möchte sie im Herzen verborgen halten, sondern sie überall besingen, auch bei den Tränkrinnen der Tiere, weil Gott sie für alle schafft, die Unrecht leiden (Hos 10,12; Jes 45,8; Ps 72,3; Jes 61 10; Ps 40,11; Ri 5,11; Ps 103,6).

In diesem Fall sind selbst Wörterbücher überraschend und erbaulich. Das hebräische Wortfeld zädäk - zedaka, im Deutschen meist mit "Gerechtigkeit" wiedergegeben, aber auch mit "Gemeinschaftstreue" (Klaus Koch), ist nahezu gleichbedeutend mit Rettung und Heil (B. Johnson). Zedaka/Gerechtigkeit wird die wiederholte Rettungstat Gottes in der Geschichte Israels genannt. Diesem Tun Gottes korrespondiert das Verhalten der Menschen. Es entsteht ein Zustand von "Richtigkeit" (Frank Crüsemann). Erst eine gerechte Gemeinschaft ist eine richtige Gemeinschaft. In ihr verkümmert man nicht, liegt nicht morgens schon am Boden in Angst vor einem Tag mühseliger und sinnloser Tätigkeiten, ist es nicht mehr nötig, unter Streß und Enttäuschung die Schwächeren anzuschreien und zu verprügeln, entsteht vielmehr eine förderliche Wechselseitigkeit, in der es mir möglich ist, wahrhaftig zu werden, die Ursachen von Zerstörung und Selbstzerstörung zu finden, beim Namen zu nennen.

Psalm 17: Hilferuf und Bittgebet eines unschuldigen Menschen: "Mein GOTT, höre: Gerechtigkeit, merk auf mein Schreien, vernimm mein Gebet von Lippen, die nicht trügen!" Ein Mann, eine Frau beschreibt im Gebet die eigene Lage als ausweglos. Sie betrachtet sich als unschuldig gegenüber mächtigen Feinden und einer Bedrohung, der sie sich Tag und Nacht ausgesetzt sieht: "Wo wir auch gehen, da umgeben sie uns; ihre Augen richten sie darauf, daß sie uns zu Boden stürzen, wie ein Löwe, der nach Raub giert, wie ein junger Löwe, der im Versteck sitzt..." (V.11f). Er fühlt sich ausgeliefert den Machenschaften bestimmter Leute, die einem quasi auflauern, heute würden wir von Organisationen sprechen oder einem mächtigen Apparat. Es sind die "Gottlosen", die "Leute dieser Welt, die ihren Teil schon haben im Leben" (V.14), die "nur Wohlstand suchen". Der Verzweifelte plädiert in eigener Sache vor Gott und bittet um Schutz. "Prüfe du doch; Gott, mein Anliegen, deine Augen sehen doch, was richtig ist. Auf meiner Seite: Gerechtigkeit!" (V.1-3*)

Es gibt eine unverschuldete Bedrückung, der gegenüber nur die Schuldlosigkeit festgestellt werden kann von Gott und den Menschen. Die Fakten sind objektiv nachprüfbar: Wenn im Süden Brasiliens durch die Währungsreform ein Zentner bester Möhren für die Erzeuger nur noch einen Preis bringt, der dem Gegenwert einer Eiswaffel in der Stadt entspricht; wenn man mit vielen anderen von sogenannten Arbeitgebern entlassen wird, damit das Unternehmen an der Börse mehr Gewinn machen kann.

Es gibt wirkliche Unschuld, und zwar durch die Unverhältnismäßigkeit des Unglücks, das nicht selbst verursacht wurde. Das gilt es zu beachten in Zeiten, da modische Ratgeber uns suggerieren, daß Mißgeschick und sozialer Abstieg hauptsächlich unsere eigene Schuld sind, weil unser Outfit und die innere Einstellung Mängel aufweisen, weil wir zuwenig an unserer Ausstrahlung gearbeitet oder den Mondkalender mißachtet haben, weil unser Unterbewußtsein noch nicht genügend auf "Geld" programmiert ist, wie ein Dr. Murphy empfiehlt oder ganz einfach, weil wir nicht "gut auf uns aufgepaßt" haben ... Dies ist ja die Kehrseite all der schönen Ratgeber für das Überleben in einer Ellenbogengesellschaft: Wenn Sicherheit und aller Erfolg in der Hand der Einzelnen liegen sollen, dann haben wir auch ganz allein den Mißerfolg zu verantworten und auszubaden. Demgegenüber nennen die Psalmengebete die Kräfte und Gestalten beim Namen, die anderen die Lebensgrundlagen rauben.

Diese Unschuldigen sind die Gerechten, sie bezeichnen vor Gott ihre Sache als ein gerechtes Anliegen. Und Gott wird das bestätigen. Denn Gott hat es gefallen und gefällt es immer wieder, die Armen für gerecht zu erklären: Die mein Volk fressen, "erschrecken sehr, denn Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten. Euer Anschlag gegen den Armen wird zuschanden werden, denn JHWH ist seine Zuversicht". Diese Worte aus Ps 14 zeigen: "Die Elenden und Armen dieser Welt sind nicht einfach schuldlos, aber sie sind deswegen noch lange nicht schuld an ihrem Elend"(Frank Crüsemann). Sie werden gerecht genannt, weil nicht sie es sind, die die Gemeinschaft verlassen haben, sondern weil sie von der Gemeinschaft verlassen worden sind.

Die Psalmengebete setzen auf die Antwort Gottes. Sie suchen und erfahren eine Antwort, die viel mehr ist als das einfache "Erhören", womit das hebräische Verb für "antworten" in den meisten deutschen Übersetzungen wiedergegeben wird (vgl. Rainer Kessler). Gott antwortet: "Weil die Elenden Gewalt leiden und die Armen seufzen, will ich jetzt aufstehen, spricht JHWH, ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt" (Ps 12,4). In dieser Gewißheit können denn auch die Betenden am Ende des 17. Psalms sagen: "Ich aber will schauen dein Angesicht in Gerechtigkeit, ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Anblick" (V.15).

Was wird geschehen, nachdem so gebetet wurde? Wo vom Erwachen die Rede ist als Folge der Antwort Gottes, wird es auch ein Aufstehen geben, einen aufrechten, mutigen Gang. Die Witwe, die nach Lk 18 unter dem ungerechten Richter leidet, die allein, schutzlos ohne Fürsorge und Anwalt lebt, findet Mut und Ausdauer, ihn mit ihrem gerechten Anliegen so lange zu nerven, bis er nachgeben und für ihr Recht sorgen muß. Er wird durch sie in seine Humanität hineingezwungen, in eine, wenn auch unfreiwillige Beziehung, welche aber Gerechtigkeit herstellt. Sie hält ihn durch ihre Beharrlichkeit davon ab, das Böse als Gleichgültigkeit zu begehen.

Psalm 17 schließt mit einer Art Herzensaufschwung: "Ich will dein Gesicht sehen in Gerechtigkeit, will satt werden an deinem Anblick". Ich sehe darin eine besondere Qualität des Gesprächs zwischen Israel und seinem Gott. Die Betenden bringen zum Ausdruck, daß sie trotz größter Not ihr Gegenüber nicht einfach als Mittel zum Zweck herbeirufen wollen, daß sie in aller Bedrängnis selbst noch ein schönes Geschenk in Händen halten für Gott, wenn sie erscheint. Das menschliche Geschenk ist die Freude über die Gegenwart Gottes und die Gewißheit von Fülle in ihr. Das Beten wird nun beiden Seiten gerecht, und es zeigt sich im Dialog eine weitgehende Wechselseitigkeit oder Gegenseitigkeit zwischen Gott und den ihn Anrufenden.

Gegenseitigkeit als Schlüsselwort feministischer Theologie "ist ein theologischer und ethischer Grundbegriff, der die Voraussetzung für eine gerechte Beziehung sowohl zwischen den Menschen wie zwischen Gott und den Menschen benennt", so definiert Dorothee Sölle ein Denken, bei dem "nicht das einsame Ich oder die einsame Gottheit" der Ausgangspunkt ist, sondern die grundlegende Beziehungshaftigkeit aller Lebewesen von Anfang an. Denn niemand entsteht losgelöst von anderen in einem isolierten und abgeschlossenen Prozeß, sondern entfaltet sich in Gegenseitigkeit oder eben gar nicht.

Es ist aufregend, die bekannten theologischen und philosophischen Systeme im Lichte dieser Grunderkenntnis neu zu betrachten. Besonders aufregend werden aber die biblischen Texte. Sie enthalten einerseits, da sie aus der patriarchalen Welt des Altertums stammen, Aussagen über Gott, die sich am herkömmlichen Männerbild orientieren, ihn also aktiv, gestaltend, befehlend, ordnend, planend auftreten lassen. Als traditionell weiblich stellt sich dann der menschliche Part dar: empfangend, gehorchend, demütig dienend. Solch einseitige Beziehungen, bei denen einer immer nur gibt und die oder der andere immer nur nimmt, sind aber auf die Dauer nicht lebensförderlich, wiewohl sie immer ihr Recht und ihren Ort behalten werden. Doch die kleinen Kinder werden schließlich erwachsen und treten ihren Eltern, Geschwistern sowie den Freundinnen und Freunden erfreulicherweise eigenständig gegenüber. So sind wir jetzt dabei, jene Traditionen der Bibel zu entdecken, in denen Gott nicht aus einer allein infantilen Perspektive gesehen und angesprochen wird. Auch der Glaube wird endlich erwachsen. Dies läßt sich besonders anhand der Psalmen im Alten und im Neuen Testament illustrieren (Vgl. Magdalene L. Frettlöh: Gott segnen).

Doch fragen wir nun weiter nach dieser Gottesbeziehung in Gegenseitigkeit, um so den Lebenslauf, den Weg der Gerechtigkeit nach dem Zeugnis Israels etwas besser zu verstehen.

Am Anfang der Geschichte Israels steht die Befreiung aus politischer Unterdrückung und Zwangsarbeit in Ägypten. Sein Gott zeigt sich ihm in einer Rettungstat, einer Gerechtigkeitstat (Ri 5,11) des möglich gewordenen Herausgehens aus der Sklaverei. Gott antwortet den Gepeinigten: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt" (Ex 3,7). "Mein Volk" - in diesem Ausdruck zeigt sich eine Bindung, die mit der langen Wanderung in das Gelobte Land gefestigt werden soll.

"Liebe gibt Ebenbürtigkeit". So heißt es bei Fontane. Jedoch gibt sie sie nicht immer sofort. Und wenn am entscheidenden Anfang einseitige Rettungstaten stehen, wird es besonders schwierig damit. Wie soll die gerettete Person reagieren, wenn außer der Hilfe auch noch Liebe und eine längere Beziehung angetragen werden? Das ist hier anders als in der Geschichte vom barmherzigen Samaritaner, der im Vorübergehen ein Leben rettet und dann weitergeht, allenfalls zur Nachsorge noch einmal vorbeikommt. Die Geschichte zwischen Gott und seinem Volk, die mit Lebensrettung beginnt, wird in etwas dauerhaft Ernstes übergehen. Kann aber die Liebe das Stadium des Dankens überwinden und ein anderes Gefälle entstehen als ein Oben und Unten von Geben und Nehmen? Wie sollen diejenigen, die Wohltaten erfahren haben, herauskommen aus der ewigen Dankbarkeit oder einer Konsumhaltung im Verhältnis zum Schenkenden? Oder auf welche Weise schließt Gott aus, daß es sich bei der rettenden Intervention um eine momentane Laune handelt? Daß er nicht wie ein willkürlicher Spieler die Marionetten bewegt, sie mal hierhin, mal dorthin zappeln läßt?

Die Lösung liegt zunächst darin, daß Israel zu wirklicher Freiheit befreit wird, nicht allein aus dem Sklavenhaus der politischen Unterdrückung, sondern auch in seinem Verhältnis zu Gott. Es besteht die echte Freiheit, Nein zu sagen zu Gott. Und Israel hat davon auch entschieden Gebrauch gemacht, besonders am Anfang. So kann man die Erzählungen des Pentateuch vom wiederholten Murren in der Wüste lesen: als freie Äußerung der Unzufriedenheit über den Mangel an Lebensmitteln, aber auch über die mangelhafte Glaubwürdigkeit Gottes, welche weitere Aktionen und Reaktionen hervorruft. Ebenso hat Israel aber wieder und wieder freiwillig Ja gesagt zu Gott, in der Erfahrung, daß dessen Gegenwart und das Leben gleichbedeutend sind.

Zum anderen läßt die eingegangene Verbindung mit seinem Volk Gott selbst nicht unberührt. Auf die Frage des Mose, welchen Namen Gottes er den Israeliten mitteilen solle, bekommt er die berühmte Antwort: "Ich werde sein, der ich sein werde" oder "ich werde da sein, als der ich (für euch) da sein werde" (Ex 3,14). Darin liegt, so meine ich, nicht eine geheimnisvolle Reserviertheit oder die Zurückweisung allzu menschlicher Neugierde, sondern ein großes Wagnis Gottes: Gott gibt sich selbst frei, nicht als ein autonomes Ich, aber frei in diese Bindung hinein. Gott "weiß" in diesem Moment noch nicht, wenn man so sagen darf, um seine Erscheinungs- und Seinsweisen in der Zukunft, weil die gemeinsame Geschichte erst kommt.

Wie Gott sich zeigen wird, hängt ab vom gemeinsamen Weg. Das Gebot, keine Götterbilder von Gott anzufertigen, bedeutet in diesem Sinn: Die Menschen lassen Gott frei sein gerade in seinem Verhältnis, seiner Zuwendung zu ihnen. Wir werden Gottes befreiender Macht dann gerecht, wenn wir sie freilassen aus dem Zwang unserer Vorstellungen. So konnte Gott für Israel das werden, was ihnen am Anfang versprochen wurde, bis in die Finsternisse des Exils, der wiederholten Zerstörung des Tempels und der Vertreibungen, der Verfolgungen durch die Christenheit und weltliche Staaten, in die Gott dann selbst mitleidend mitgegangen ist als Schechina, als verborgene, als ebenfalls gequälte Gegenwart bei ihrem Volk.

Auf mindestens zweierlei Weise belebt und bereichert Gott diese Relation in Gegenseitigkeit. Einmal, indem ein neuer Anfang gestiftet werden kann, wenn nach menschlichem Ermessen alle an ihr Ende gekommen sind, wenn der Weg zu Ende ist, der eben noch gangbar schien. Dann zeigt sich die göttliche Präsenz als "Meisterin im Erfinden rettender, lebensförderlicher Ausnahmen" (Michael Welker). Die jüdische Passah-Liturgie kann deshalb Gottes Handeln auch als heilvolle Diskontinuität der Neuanfänge beschreiben: "Hätte (der Ewige) für unsere Bedürfnisse in der Wüste vierzig Jahre reichlich gesorgt, aber uns nicht mit dem Manna gespeist, - genug der Gnade wär's für uns gewesen. Hätte er uns mit dem Manna gespeist, aber uns nicht den Sabbath geschenkt, - genug der Gnade wär's für uns gewesen. Hätte er uns den Sabbath geschenkt, aber uns nicht zum Berge Sinai ... hingeführt, - genug der Gnade wär's für uns gewesen" usw.

So erschafft Gott zum anderen am Sinai als bleibende Zedaka-Tat (Ps 119,142) eine dritte Dimension für die Verbindung mit Israel und dann auch den Völkern. Die dritte Dimension ist wichtig, um aller Undeutlichkeit im Zusammenwirken von allein zwei Größen, also etwa einer losgelösten Zweier-Beziehung zu entgehen. Geschaffen wird ein Raum für diese Beziehungen, eine schöne Behausung, der Gottesraum, in dem eine unmißverständliche Lebenspraxis möglich sein soll, sozusagen Beziehungssicherheit gegeben ist, in der Gottes Gerechtigkeit sich manifestiert in der Gestaltung einer richtigen, gerechten Welt durch menschliches Handeln: Erschaffen und geschenkt wird die Tora, das gute Gesetz. Damit wird Gott unmißverständlich und auch das Bleiben in Gottes Nähe.

Kann denn aber diese Größe "Gesetz", bei dem für uns sofort die roten Lämpchen "Gesetzlichkeit" oder gar "Strafgesetz" aufblinken, ein wohnlicher Gottesraum sein? Macht Gesetzgebung nicht immer wieder alles eng und niedrig? Doch genau dagegen steht die Tora: Sowohl gegen die Enge eines Gottesbegriffs, dem alle menschlichen sozialen Belange gleichgültig sind, als auch gegen einen flachen religiösen Betrieb, in dem das Wort Gottes und die ausgeschlossenen anderen in zwischenmenschlicher Gefühls- und anderer Seligkeit vergessen werden. Die "wahre Gemeinde entsteht nicht dadurch, daß Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: daß sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen und daß sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen" (Martin Buber).

Die Tora ist inmitten der altorientalischen Rechtssammlungen etwas vollkommen Einzigartiges, weil sie die richtige Gottesbeziehung und die Sorge für gerechte materielle Verhältnisse zusammenholt und daraus ein luftiges und weites Gebäude erstellt. Der Segen Gottes und die Solidarität unter den Menschen korrespondieren darin. Sie ist ein "Palast in der Zeit", wie insbesondere auch der Sabbat genannt wird (Abraham J. Heschel).

Schon das älteste Rechtsbuch, das sog. Bundesbuch aus dem 8. Jh. v.Chr. zeigt diese Struktur (zum Folgenden: Frank Crüsemann: Die Tora): Gebote über die kultische Alleinverehrung Gottes in Unterscheidung zu anderen Gottheiten sind das eine. Doch sie gehören unauflöslich zusammen mit Schutzbestimmungen für die sozial Schwächsten der Gemeinschaft, den ökonomisch und rechtlich Benachteiligten. An den Fremden, Armen, Witwen und Waisen erweist sich die richtige Gottesbeziehung. Niemand soll sie bedrängen und unterdrücken. "Wirst du sie bedrücken und werden sie zu mir schreien, so werde ich ihr Schreien erhören" (Ex 22,22). Es dürfen nicht nur keine Wucherzinsen, sondern überhaupt keine Zinsen von ihnen genommen werden. Ihr damaliges Existenzminimum in Form des Obergewandes steht für eine Pfändung nicht zur Verfügung (Ex 22,24). Dieses älteste biblische Wirtschaftsgesetz setzt an beim Angelpunkt fortschreitender sozialer Abhängigkeit, dem Schuldenwesen und der Verschuldung.

Bereits im alten Israel hatte man also begriffen, daß wirtschaftliche Prozesse um Gottes willen reguliert werden müssen zum Schutz der Kleinen. Das biblische Wirtschaftsrecht, zu dem auch der Schuldenerlaß im Sabbatjahr gehört, wird zur Zeit in vielen kirchlichen Kreisen wiederentdeckt. Ein Zinsverbot heute wäre das Aus für die täglichen Billionen-Gewinne, die mit Devisenspekulationen und Termingeschäften gemacht werden und mit deren Hilfe der Reichtum einiger Weniger ins Umermeßliche steigt. So etwas zu fordern, erscheint illusorisch. Und vielleicht wird auch die realistischere Möglichkeit, diese Gewinne geringfügig zu besteuern, ein schöner Traum von mehr Gerechtigkeit bleiben.

Sicher ist aber auf jeden Fall, daß wir vom Gott der Bibel nicht mehr reden dürfen, wenn wir gleichzeitig zu ungerechter Wirtschaftspolitik schweigen. Und wenn die Kirche nur ihr eigenes Haus retten will, gerät sie in Gefahr, den Raum Gottes zu verlassen. Die Tora als Raum Gottes soll auch für uns Christinnen und Christen ein Lebensraum in Gerechtigkeit sein. In seiner Berpgpredigt bringt Jesus ziemlich am Anfang zum Ausdruck, daß er nicht gekommen ist, die Tora aufzulösen, sondern sie zu erfüllen. Kein Buchstabe und Häkchen des Gesetzes werden vergehen, solange es Himmel und Erde gibt. "Wer es tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich" (Mt 5,17ff/Lk 16,17). Und so lernen wir Gemeinden aus den Völkern nach dem Taufbefehl alles zu halten, was er den Seinen befohlen hat (Mt 28,20). Wir können dies heute nur in aller Demut tun angesichts der Tatsache, daß die maßgeblichen Kreise der Christenheit es viele Jahrhunderte lang unternommen haben, das Volk Israel zu verurteilen und verfolgen, welches der Tora, dem Raum der Gerechtigkeit, treu geblieben ist.

Zu lernen gibt es, in welch hohem Maße Gott selbst seine Tora respektiert. Gott verzichtet gern auf Anbetung und gottesdienstliche Feiern von Leuten, die nur ihre eigene Gottesbeziehung im Sinn haben, sich mit einer exklusiven Zweidimensionalität begnügen wollen. Gegen solchen Heilsegoismus steht eine göttliche Selbstlosigkeit zugunsten derer, die nichts zu feiern haben. Der Prophet Amos: "Ich bin böse auf eure Feiertage und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn dein Harfenspiel mag ich nicht hören. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach" (5,21.23f). Heute morgen haben wir in ähnlicher Weise bei der Bibelarbeit über Jes 58 gesehen, wie selbstbezogene Bußübungen, die doch in die Nähe Gottes führen sollen, diese im Gegenteil vertreiben. Erst die Öffnung gegenüber den bedürftigen Nächsten gibt auch die Perspektive auf Gott wieder frei.

Martin Buber erzählt von einer entscheidenden Begegnung oder besser Vergegnung, die diese Wahrheit für ihn aus dem Negativen heraus bewiesen hat. Er nennt die Geschichte "Eine Bekehrung". Bis dahin habe er sich oft Stunden religiöser Entrückung und Erleuchtung hingegeben, die ihn aus dem Alltag heraushoben. Nun aber widerfuhr ihm ein

"richtendes Ereignis, richtend mit jenem Spruch geschlossener Lippen und unbewegten Blicks, wie ihn der gängige Gang der Dinge zu fällen liebt. Es ereignete sich nichts weiter, als daß ich einmal an einem Vormittag, nach einem Morgen 'religiöser' Begeisterung, den Besuch eines unbekannten jungen Menschen empfing, ohne mit der Seele dabei zu sein. Ich ließ es durchaus nicht an einem freundlichen Entgegenkommen fehlen, ich behandelte ihn nicht nachlässiger als alle seine Altersgenossen, die mich um diese Tageszeit wie ein Orakel das mit sich reden läßt aufzusuchen pflegten, ich unterhielt mich mit ihm aufmerksam und freimütig - und unterließ nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte. Diese Fragen habe ich später, nicht lange darauf, von einem seiner Freunde - er selber lebte schon nicht mehr - ihrem wesentlichen Gehalt nach erfahren, habe erfahren, daß er nicht beiläufig, sondern schicksalhaft zu mir gekommen war, nicht um Plauderei, sondern um Entscheidung, gerade zu mir, gerade in dieser Stunde. Was erwarten wir, wenn wir verzweifeln und doch noch zu einem Menschen gehen?"

Danach hat Buber die Herausnahme, die religiöse Ekstase aufgegeben. "Ich kenne keine Fülle mehr als die Fülle jeder sterblichen Stunde an Anspruch und Verantwortung ... du wirst nicht in einer unverbindlichen Fülle verschlungen, du wirst gewollt für die Verbundenheit". Die Erfahrung, eine wichtige Stunde nicht erkannt, einen stummen Hilferuf nicht gehört zu haben und diesen einen im Leben nicht mehr hören zu können, ist wie das Jüngste Gericht. Es kann den Zugang zu Gott dunkel erscheinen lassen. Wir verstehen dann etwas besser, was Jesu Gleichnis vom großen Weltgericht besagt (Mt 25), wenn es die Gegenwart des Herrn mit der Gestalt der leidenden Schwester identifiziert.

Es bleibt jedoch, weiterhin und jederzeit in den Tora-Raum Gottes der tätigen Gerechtigkeit gehen zu können oder dort aufgesucht zu werden. Daß vor allem Paulus ihn zeitweise verschlossen fand, bedeutet nicht, er habe mit Christus das Ende der Tora verkündet. Die neutestamentliche Wissenschaft erkennt das in letzter Zeit mehr und mehr, wir werden davon in morgigen Bibelarbeiten über Röm 3 hören. Paulus geht davon aus, daß er in einer entsetzlichen Welt lebt, in der niemand mehr gerechte Taten vollbringt. Er zitiert die Schrift: "Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer" (Ps 14,3); "ihre Füße eilen, Blut zu vergießen, auf ihren Wegen ist lauter Zerstörung und Jammer, den Weg des Friedens kennen sie nicht" (Jes 59,7f). Er deutet seine Zeit unter dem Imperium Romanum ähnlich wie der Prophet Habakuk die seine als eine Epoche, in der die Tora eine Schwäche erleidet, Hab 1,4: "Darum ist das Gesetz ohnmächtig, und die rechte Sache kann nie gewinnen; denn der Gottlose übervorteilt den Gerechten".

Wie ist es dazu gekommen? Paulus sieht die Welt überwältigt von der kosmischen Gewalt der Sünde (Röm 5,12f), die die Menschen versklavt, die das gute Gesetz korrumpiert, so daß ich, obwohl ich das Gute will, unter ihrer Herrschaft nur das Schlechte vollbringe (Röm 7,19f). Luise Schottroff nennt in ihrer Analyse diesen Teufelskreis die "Schreckensherrschaft der Sünde", ein Terrorregime, das alle Menschen unter den Tod verkauft. Nun aber hat Gott in Jesus Christus neu gehandelt. Sein Tod und seine Auferstehung haben die Macht der Sünde und des Todes gebrochen (Röm 5,8ff). Im Glauben, in der treuen Beziehung zu ihm, gewinnen wir Zugang zur Gerechtigkeit Gottes (Röm 5,1f), zu seiner Rettungstat, die hier wie auch in den alttestamentlichen Texten ein Gnadenerweis ist. Damit ist das von der Schreckensherrschaft der Sünde erstickte Gesetz befreit, so daß wir als befreite Menschen danach leben können. Röm 3,31: "Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf!" Zusammenfassend sagt Peter von der Osten-Sacken in seiner Studie: "Jesus Christus - Ziel und Erfüllung der Tora; der Geist - die Kraft der Erfüllung; der Glaube - die Aufrichtung der Tora; die Liebe - ihre Erfüllung im menschlichen Miteinander, das ist die Aussagenkette, die sich durch den ganzen Römerbrief hinzieht".

Es ist gut, im Raum der Gerechtigkeit zu leben. Dadurch merken wir, daß manchmal unsere Verkündigung von der Rechtfertigung des sündigen Individuums zu sehr steckenbleibt in der reinen Gott-Mensch-Beziehung, wir wieder und wieder auf der Schwelle der Rechtfertigung stehenbleiben. Was kommt aber mit der Rechtfertigung, was kommt aus der "Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt", welches ja das Motto dieses Themenbereichs ist? Es stammt aus Hebr 11,7 und ist eine Aussage über Noah, dessen Glaube Gott geehrt hat, indem er die Arche baute. Der Glaube drückt sich demnach in einer Rettungstat, einer Gerechtigkeitstat zum Überleben von Tieren und Menschen aus!

Es ist gut, im Raum der Gerechtigkeit zu leben. In ihm begegnen wir lebendigen Menschen und dem lebendigen Gott. Je mehr ich die Größe des Raumes wahrnehme, seine weltweiten Dimensionen, desto schöner wird er. Ich erfahre darin, daß ich nicht einfach Opfer oder Täterin bin, sondern mich ständig zwischen drei möglichen ethischen Zuständen bewege. Ich kann selbst für mich sorgen und tue es auch. Oder ich bin hilfsbedürftig, und andere nehmen die Gelegenheit wahr, mir Gutes zu tun. Schließlich bin ich imstande, die Not anderer zu erkennen und manchmal wirksam zu helfen. Diese Zustände wechseln im Leben der einzelnen ab, wenn alles gut geht und die Beziehungen im Gleichgewicht sind. Sie können bei einem Menschen aber auch alle gleichzeitig erscheinen, was den Reichtum des Lebens ausmacht.

So ist es nicht schlecht, zu lernen, für sich selbst zu sorgen und für das eigene Recht zu kämpfen. Vielen Frauen fällt das immer noch schwerer als alle vorauseilende Fürsorge. Doch ist auch die Fürsorge sehr gut, wenn sie sich nicht an eigentlich Selbständige verzettelt, sondern unterscheiden gelernt hat. Das Dasein für andere als Grundpfeiler einer künftigen Männerethik bleibt auch für Frauen weiter bedeutsam, da es ja über den Rand der Kleinfamilie hinausdrängt in die politische Verantwortung. Und endlich können wir es aushalten, uns zeitweiliger und dauernder großer Not nicht mehr zu schämen, sondern heißen die willkommen, die Gott uns schickt, damit wir gemeinsam im Raum Gottes gehen lernen.

Es ist gut, im Raum der Gerechtigkeit zu leben. In ihm erfahren wir, daß unser Tun nicht nichts ist. Gerade diejenigen, die sich klein wähnen, erfahren das. In Luthers schönem Lied "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" (EG 299), einer Nachdichtung des 130. Psalms, heißt es in der 2. Strophe: "Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben". Damit ist zweifellos gemeint, daß wir uns die Gnade Gottes als unsere Lebensgrundlage nicht erwerben können. Doch was geht in der Bauersfrau vor, die es ihr Leben lang andächtig in der Kirchenbank mitsingt? Bekommt sie jemals eine Ahnung davon, daß ihr Tun für die belgischen und polnischen kriegsgefangenen Zwangsarbeiter, denen sie durch gute Ernährung das Leben rettete, alles andere als "umsonst" gewesen ist? Und daß es damit auch in Augen Gottes nicht umsonst war? Denn wir können doch nicht ewig unser Handeln nur im Hinblick auf uns selbst und unsere eigene Seligkeit betrachten.

Eine Tat mit Blick auf die anderen ist nie umsonst, auch nicht in dem vermeintlich schlechtesten Leben. Ich denke dabei an den Guerrillero, dessen Leben wir natürlich nicht beurteilen können, der bei der Geiselbefreiung in Lima im April 1997 kurz vor seinem Tod einem anderen das Leben bewahrte: „Nach der ersten Explosion rannte ein Terrorist in unser Zimmer, wo sich 20 Geiseln aufhielten", berichtet Landwirtschaftsminister Rodolfo Munante. „Er richtete seine Maschinenpistole auf mich und sah mir in die Augen. Dann senkte er den Blick, wendete sich ab und schloß die Tür". Sekunden später starb der Guerrillero im Kugelhagel.

Beim Betreten des Gottesraums der Gerechtigkeit können sich scheinbar aussichtslose Aktivitäten zu einer Hoffnungsgröße entwickeln. Die 71jährige Viviane Forrester aus Paris ist zwar keine arme Witwe, doch hat sie lauthals und hartnäckig ihre Empörung über das ungerechte Wirtschaftssystem artikuliert, "das bis aufs Knochenmark aus den Menschen heraussaugt, was ihnen noch an Menschlichkeit geblieben ist". Durch ihr Buch "L'horreur économique" (Paris 1996) - Der Wirtschaftshorror - ist sie zu einer Symbolfigur eines massenhaften Widerstands geworden. Sie schrieb den späteren Bestseller nach eigener Auskunft, ohne etwas von Ökonomie zu verstehen, allein um ihre Empörung zum Ausdruck zu bringen über die riesige Anzahl von Arbeitslosen und Obdachlosen in einem so reichen Land. Und um das Schamgefühl der Arbeitslosen sowie die Duckmäuserei der Angestellten zu durchbrechen, die um ihren Arbeitsplatz fürchten. Das ist ihr gelungen. Es zeigt sich, daß auch unter den Besitzenden sehr viele einen Wohlstand ablehnen, der mit Naturzerstörung, mit Entlassung und sozialem Abstieg von Millionen MitbürgerInnen in der Welt verbunden ist. Es wächst die Überzeugung, daß sehr viele Menschen nicht auf Kosten anderer leben wollen, daß hemmungsloser Egoismus letztendlich abstoßend ist. Im Raum der Gerechtigkeit wächst die Macht in Beziehung aller Menschen.

Lassen Sie mich zum Schluß an Worte eines Gedichts von Ernst Weiß erinnern. Ernst Weiß (geb. 1882) ist ein heute fast vergessener jüdischer Arzt und Schriftsteller deutscher Sprache aus Böhmen. Er nahm sich 1940 vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris das Leben. Sein Gedicht "Die niedere Tür" beschreibt jene Taten der Gerechtigkeit, die inmitten entfesselter Unmenschlichkeit allein noch Treu und Glauben an eine andere Realität ermöglichen. Es ist das Tun, welches aus liebender Zuwendung, aus der gütigen Liebe entspringt, der Chäsäd, wie die Schwester der Gerechtigkeit im Hebräischen heißt. Paulus hat sie im 1. Korintherbrief preisend besungen: "Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie ist nicht fanatisch" (V.4), "sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit" (V.6), "sie hofft alles" (V.7). Diese tätige Liebe, die auch höchst einseitig sein kann, bleibt vor und nach aller Arbeit an der Beseitigung ungerechter politischer Strukturen das Fundament des Lebens. Sie überschreitet Grenzen. Ihr begegnen wir in unseren finstersten Stunden, und wir selbst können sie jederzeit und unter allen Umständen tun. Sie ist von weltentscheidender Bedeutung, denn, so lehrt uns die jüdische Weisheit: Jeder Mensch ist die ganze Welt.

"Die Welt ist nicht entschieden". Sie entscheidet sich vielmehr in jedem Moment weiter und neu, und das Gedicht zählt auf, was es erfahren hat: Menschen in medizinischen Berufen, die mitzufühlen in der Lage sind und ihr eigenes Leben riskiert haben für hoffnungslose Fälle, heitere Toren, die jenseits aller Effektivität das Paradies der Tiere und der Musik entdecken, dahingegangene Menschen, deren Bereitschaft zum Guten und zur Beglückung bleibender Trost ist, Augenblicke des Schweigens und der Liebe. Es endet so:
"Aber ich weiß nicht, wie dem Wucherer und Mörder und Sieger dieser Zeit verziehen sein kann. Aber es geht noch die Waage. Offen ist die niedere Türe; die Welt ist nicht entschieden.
Der Blick der Liebe macht zittern die Gerechtigkeit und ist mein Trost".

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