"Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben"
27. Deutscher Evangelischer Kirchentag
Leipzig 1997 - 18. - 22. Juni
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Bibelarbeit Römer 3,21-31

Frank Crüsemann, Bielefeld

Alte Messe, Halle 15; Freitag, 20. 6. 1997; 9.00 Uhr

Gott glaubt an uns

Dieser Text ist Lehre und fordert Lehre heraus. Eine Bibelarbeit über das Wort von der Glaubensge-rechtigkeit, die Grundlage der Rechtfertigungslehre Luthers und des Protestantismus, wird wirklich ein Stück Arbeit werden müssen. Seine schweren Worte - Gerechtigkeit, Glaube, Gesetz, Werke, Blut Christi - klingen für viele wie abstraktes Begriffsgeklimper. Und wem seine Sprache vertraut ist, ist vielleicht über die so andere Übersetzung des Kirchentags gestolpert und verärgert - Tora statt Ge-setz, Treue statt Glaube - . Was hat das mit unseren heutigen Problemen von Gerechtigkeit zu tun?

Bevor ich den Text selbst auslege, möchte ich in drei Doppelschritten eine Annäherung vollziehen, die sich als Distanznahme erweisen wird, will den Text auf Abstand bringen, um ihn genauer erkennen zu können.

Annäherung und Distanzierung

I.

Mit einer Wirkung der reformatorischen Rechtfertigungslehre und damit dieses Textes haben wir täg-lich zu tun. Für Luther macht das menschliche Handeln nicht gerecht, weder soziales noch religiöses Tun, sondern allein der Glaube. Er befreit davon, mit unseren Leistungen vor Gott etwas bewirken und beweisen zu wollen. Aber zu was befreit er? Die Hauptsache im Leben regelt allein der Glaube, und was machen wir mit dem Rest unserer Kräfte? An diese Stelle tritt für Luther und seine Nachfolger die Arbeit. Die alltägliche menschliche Arbeit sei der wahre Gottesdienst. Das Wort Beruf spiegelt das wider: Unser Beruf ist das, wozu wir von Gott berufen sind. Immer wieder findet sich bei Luther das Beispiel der Magd, die „im hauß kochet, spület, bettet, keret und ander hauß arbeyt tut. Aber weyl der befelch Gottes da ist, so kan solches geringes werck anders nicht denn ein Gottes dienst gerühmet werden" (WA 52, 470). Arbeit als der Sinn des Lebens, Arbeit als der eigentliche Inhalt des Lebens - die Aufwertung durch die Rechtfertigungslehre wirkt bis in die heutigen psychosozialen Probleme unserer Arbeitslosen nach. Zwar kamen in den Jahrhunderten nach der Reformation andere Entwick-lungen dazu - vor allem eine ganz neue Bewertung des Eigeninteresses - , aber ein wichtiger Baustein zu unseren heutigen Problemen mit menschlicher Arbeit liegt hier. Wenn wir Männer uns nach wie vor, auch als Christen, weitgehend über den Beruf und den Erfolg im Beruf definieren und mit der Arbeit allzu oft das Selbstwertgefühl und alle Lebensperspektiven verlieren, stehen wir im Bann einer bestimmten Interpretation unseres Textes. Seltsamerweise hat sich dabei das geradezu umgedreht, was man ihm unmittelbar entnehmen kann, daß nämlich Leistung nicht gerecht macht und alle Men-schen Gott gleich lieb sind. Kaum etwas braucht die Welt dringender als ein neues Verständnis menschlicher Arbeit, weil aus dem bisherigen zunehmend nur noch Ungerechtigkeit kommt, und dazu könnte ein verändertes Verständnis der Rechtfertigungslehre ein wichtiger Beitrag sein.

Ich behaupte, daß die traditionelle protestantische Rechtfertigungslehre dem, was Paulus hier sagt, nicht wirklich gerecht wird und den Text in mancher Hinsicht erheblich verzerrt. Sieht man genauer hin, ist manches deutlich anders. Weil es aber dabei um eine veränderte Sicht der gleichen Sache geht, stelle ich diese betont an den Anfang:

Was Römer 3 mit komplizierten Worten sagt, ist im Kern etwas ganz Einfaches: Gott nimmt uns so an, wie wir sind. Mit unserer Geschichte, unserem Versagen, unseren Fehlern, unserer Schuld, unserer Verzweiflung und unserer Resignation, unseren schwärzesten Seiten. Gott ist der,

„der dir all deine Sünden vergibt
und heilet all deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, ...
Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden
und vergilt uns nicht nach unserer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
läßt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten" (Ps 103,3f.10f.13).

Gerade uns Vätern liegt es näher, hier von der Mutter zu sprechen: So wie die meisten Menschen zu ihrer Mutter kommen können und uneingeschränkt akzeptiert, ohne Vorbehalt geliebt werden, so ver-hält es sich mit Gott. Es geht in diesem Text um Glauben, und seine wichtigste Aussage läßt sich auch so formulieren: Gott glaubt an uns, er hält uns die Treue, so wie kein Mensch an mich glaubt und je glauben kann, der mich auch nur etwas kennt. Gott vertraut uns, obwohl er uns kennt. Und das ändert alles.

II.

Man hat diesen Text, genauer gesagt seine lutherische Auslegung außerordentlich hoch gehängt, seine Sache den „höchsten fürnehmsten Artikel der ganzen christlichen Lehre" genannt (Apologie IV), mit dem die Kirche steht und fällt. Hängen wir von vornherein die Sache etwas niedriger. Dieser Text ist so wichtig wie viele andere Bibeltexte auch, nicht mehr und nicht weniger. Man sollte sich eine doppelte Relativierung klar machen:

- Die lutherische Rechtfertigungslehre ist eine Interpretation dieses Textes, sie ist nicht der Text selbst. Sie ist wie alle unsere Versuche, biblische Texte zu verstehen, zeitgebunden und geht von Erfahrungen und Ängsten ihrer Gegenwart aus. Auch Exegeten und Theologen sind in ihrem Tun der Macht der Sünde unterworfen, von der Paulus hier so eindringlich redet. Und wenn die Kirche mit bestimmten Interpretationen bestimmter Paulustexte steht und fällt, dann ist sie gefallen. Das häufige Versagen von Kirche und Christen angesichts von Gewalt, Kriegen und Zerstörung, die vom christli-chen Europa ausgingen, ihre Verwicklung in Rechtfertigungen von Armut und Hunger, Sexismus und Zerstörung der Natur, lag sicher nicht daran, daß die klassische Lehre der Rechtfertigung nicht ver-treten wurde. Es hing eher umgekehrt damit zusammen, daß viele Verantwortliche meinten, sich auf diese Lehre zurückziehen zu können. Die Kirche predigte die Rechtfertigung des Sünders, und im Nachbarhaus wurden die Juden abgeholt. Jede Zeit hat ihre spezifischen Versuchungen und Chan-cen, und es ist eine unsachgemäße Verkürzung der reichen biblischen Tradition, alles auf einen Punkt zu beziehen.

- Unser Kapitel ist Teil des Römerbriefes, der als der späteste Brief des Paulus so etwas wie eine Zusammenfassung seiner Theologie ist. Der Römerbrief ist ein großes Gebäude, ein genialer Entwurf früchchristlicher Theologie. Paulus schreibt an eine ihm persönlich unbekannte Gemeinde, deshalb reagiert er nicht wie sonst auf aktuelle Konflikte, um an solchen Störungen seine Theologie zu entwik-keln. Im Römerbrief - und eben nur hier - formuliert Paulus grundsätzlich, prinzipiell und deshalb rela-tiv abstrakt, was es mit seiner Botschaft als Apostel Jesu Christi auf sichhat. Das hat diesen Brief zu so etwas wie der Grundlage christlicher Theologie werden lassen. Soweit Theologie auf Lehre aus ist, soweit sie nicht, wie die Bibel selbst, einfach eine Geschichte erzählt, ein Gleichnis, ein Gebot, einen Rechtssatz formuliert, ein Lied singt oder in Klage ausbricht, soweit Theologie mehr sein will als Aus-legung, mehr als Transponierung biblischer Einsichten und Erfahrungen in neue, veränderte Zeiten, soweit sie versucht, systematisch, grundsätzlich, abstrakt und begrifflich zu fassen, um was es bei Gott geht, was es mit dem Evangelium auf sich hat und was mit der Sünde, dann hat sie hier im Rö-mebrief ihr Vorbild wie an keiner anderen Stelle in der Bibel. Solche Neigung zu Abstraktion und Be-grifflichkeit hat ihre Berechtigung und Notwendigkeit, aber ebenso sicher auch ihre Grenzen. Ur-sprünglicher in der Verarbeitung von Gotteserfahrungen und deshalb unverzichtbarer sind Erzählun-gen und Lieder, Gebote und Visionen. Erst auf ihrer Basis kann dann auch Lehre mit ihren Begriffen stattfinden und ihren begrenzten Sinn haben.

Paulus ist zudem nur eine Stimme neben anderen im vielstimmigen Chor der Bibel. Wenn wir diese eine Stimme jetzt aus dem Chor lösen, um sie allein für sich wahrzunehmen, ihren unverwechselba-ren Beitrag zu erfassen, dann müssen wir sie auch wieder in Orchester und Chor einordnen, um nicht aus der Polyphonie Gottes ein allzu einfache Melodie zu machen.

III.

Ein Text kann wie ein Tresor sein, verschlossen, schwer zugänglich. Man muß den richtigen Schlüs-sel finden. Für mich sind zwei Schlüssel wichtig geworden, mit deren Hilfe sich die Tür öffnen und einen Blick auf die Schätze werfen läßt. Der eine besteht darin, wahr- und ernstzunehmen, wie sehr Paulus von seinen alttestamentlichen Grundlagen, also von seiner Bibel aus denkt, die er die Schrift nennt. Nicht nur alle seine Begriffe kommen daher, sondern alle, wirklich alle seine Aussagen selbst, die Inhalte, die er mitzuteilen hat. Bei fast jedem Schritt seiner Gedankenführung weist er ausdrücklich darauf hin. Die Lehre des Paulus ist Schriftauslegung. Deshalb werden wir Paulus erst verstehen, wenn wir unsererseits die Paulusinterpretation zur Schriftauslegung machen, ihn als so etwas wie einen Kommentar zum Alten Testament angesichts der Wirklichkeit Jesu Christi lesen. Dann beginnt vieles ganz neu zu leuchten.

Und als ein zweiter Schlüssel erweist sich ein Verfahren, bei dem wir nicht von vornherein uns selbst, unser Ich, in den Mittelpunkt stellen. Zwar ist es auch hier notwendig und legitim, den Text auf uns selbst zu beziehen, um in ihn hineinzukommen. Aber bei diesem Grundtext der Rechtfertigung sind wir längst auf eine solche Perspektive festgelegt, ob wir es wissen oder nicht. Bestimmend ist nach wie vor die Frage Luthers „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Das ist die Angst des Mönchs und die Sorge eines mittelalterlichen Christen: „Wie komme ich aus meinen Sünden heraus und in den Himmel hinein?" Das ist aber weder heute unsere erste Sorge, noch kann man davon ausgehen, daß es die des Paulus war. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn man verstanden hat, wie in der Sicht des Paulus Gott in der von Gewalt und vielfältigem Bösen beherrschten Welt seine Gerechtigkeit durchsetzt, wie er seinen Glauben an uns Gestalt werden läßt, dann verstehen wir auch, was das mit unseren Sorgen heute zu tun hat, bis hin zum Umgang mit Arbeitslosigkeit.

Auslegung

Weil dieser Text Lehre ist, muß auch seine Auslegung, um dem Text zu entsprechen, zur theologi-schen Lehre werden, also auch richtige und falsche Lehre neu unterscheiden. Ich gehe dazu seinen sechs großen Worten nach. Die abstrakt klingenden Begriffe erschließen sich, so hoffe ich, wenn sie mit konkreten Erfahrungen von damals und heute gefüllt werden.

Zu beginnen ist mit dem Wort, das über allem steht: die Gerechtigkeit Gottes. Sie ist das Thema des Textes. Was Gerechtigkeit aus Glauben heißt, erschließt sich nur, wenn man zuerst weiß, was Ge-rechtigkeit Gottes überhaupt meint. Luthers reformatorische Erkenntnis bestand darin, von der Bibel her zu erkennen, daß Gottes Gerechtigkeit von seiner Güte und Gnade, seiner Barmherzigkeit und Freundlichkeit nicht zu trennen ist. Dabei meint das wichtigste hebräische Wort für Gerechtigkeit Ze-daqa immer ein Tun, eine Tätigkeit, das „Tun des Gerechten" (Bonhoeffer). Als Gottes Gerechtig-keitstaten werden von Anfang an seine befreienden Rettungstaten bezeichnet. In der Richterzeit be-singt man bei der täglichen Arbeit die Gerechtigkeitstaten Gottes, seine Rettungs- und Hilfetaten für sein Volk (Ri 5,11). Dabei steht der Exodus allem voran. Immer wo Rettung aus Bedrückung und Not geschieht, ereignet sich Gottes Gerechtigkeit. Die leidenden Menschen, die in den Klagen der Psal-men Gott alle Ungerechtigkeiten vorhalten, die ihr Leben einschränken und zerstören, sie erwarten und erflehen in ihrer Not eine Gerechtigkeitstat Gottes. Klage zielt auf Gerechtigkeit. Und das gilt glei-chermaßen für Schuldige wie Unschuldige. Der Mensch, der in Ps 51 Gott um Vergebung von Blut-schuld und um Befreiung von einer sein ganzes Leben bestimmenden Sünde bittet, appelliert an Got-tes Gerechtigkeit (V.16) ebenso wie Menschen, die wie Hiob unschuldig sind und Gott daran erinnern, daß Unschuldige nicht leiden sollten. Zwar ist Gerechtigkeit nicht einfach dasselbe wie Güte und Er-barmen, aber man muß sagen, daß beides Aspekte des gleichen Geschehens sind. Gottes Gerech-tigkeit bringt etwas in Ordnung, stellt etwas richtig, was in Unordnung geraten und falsch war.

Seit dem Exil hofft Israel auf eine umfassende künftige Heilstat Gottes und kann sie mit dem Begriff der Gerechtigkeit Gottes bezeichnen. Nicht mehr nur einzelne Rettungen, sondern auch das Kommen einer neuen Erde, auf der kein Kind mehr jung sterben muß und jede Träne abgewischt wird. So wird sie sein, die umfassende Gerechtigkeit Gottes. Was lange vorher und dann bei Jesus Reich Gottes heißt, hat neben vielen anderen auch den Namen „Gerechtigkeit Gottes". Gottes Reaktion auf das Leid der Kreatur heißt Gerechtigkeit.

Immer wieder konkret erfahren und auch heute erfahrbar, sonst könnte man von diesem Gott nicht reden und nicht an ihn glauben, dann aber auch umfassend erhofft und erbeten, das ist, so sagt Pau-lus, mit Jesus Christus sichtbar geworden, in Erscheinung getreten. Es macht alles falsch, wenn man durch diesen Bezug zu Christus den biblischen Begriff in seinem Wesen verändert oder aufgehoben sieht. Genau wie bei der Erwartung des Messias, des Gesalbten, begreift man nur, was Paulus von Christus sagt, wenn man am biblischen Sinn der Worte festhält. Es geht darum, daß die Gerechtigkeit Gottes, anfangs und immer wieder als Exodus erfahren und als Reich Gottes erwartet, in Jesus Chri-stus sichtbar, also wirksam und kräftig geworden ist. Wir verwerfen die falsche Lehre - wir sollten sie verwerfen - , daß die Glaubensgerechtigkeit nichts mit den großen Fragen von Recht und Unrecht in unserer Welt zu tun hat. Wir müssen sie vielmehr durchgängig genau darauf beziehen und auf diesem Sinn beharren. Es geht um Gerechtigkeit, oder es geht nicht um Gott. Gott läßt seine Gerechtigkeit aufscheinen über denen, denen Gerechtigkeit fehlt.

Sünde

„Alle haben gesündigt, und es fehlt ihnen an der Ehre Gottes" (v. 23). In den Teilen des Römerbriefes, die unserer Passage vorangehen, hat Paulus gezeigt, daß alle Menschen in Sünde verstrickt sind. Die Glaubensgerechtigkeit ist die Antwort Gottes darauf. Alle Menschen sind Sünder - kaum ein Satz scheint für christliches Denken selbstverständlicher und grundlegender zu sein, und an keinem ande-ren lassen sich die problematischen Aspekte dogmatischer Aussagen besser aufzeigen. Er ist richtig und falsch zugleich, er kann - trotz seiner Richtigkeit - falsch verstanden werden und alles verderben. Wir verwerfen die falsche Lehre - sollten sie verwerfen - , welche durch Fixierung auf die Sündhaftig-keit aller Menschen zu einer Relativierung der Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern beigetra-gen hat. Man hat der traditionellen Rechtfertigungslehre vorgeworfen, auf die Täter und damit auf die Vergangenheit fixiert zu sein. Alle unsere Gottesdienste fangen mit einem Sündenbekenntnis an, set-zen damit voraus, daß jeder Mensch jederzeit schuldig und auf Vergebung angewiesen ist. Ist das falsch? Man kann sich das Problem schnell klar machen, indem man beachtet, wie Paulus hier von der Sünde redet. Er beschreibt sie als eine Macht, vergleichbar einer politischen Schreckensherr-schaft, einer Parteiendiktatur, die alle ergreift und der man sich kaum entziehen kann. „Du hast die Welt mit großem Schrecken ... beherrscht", heißt es in einer jüdischen Schrift über das römische Reich, es wird als Raubvogel, als Adler beschrieben, der alles in seinen Krallen hält. Der Messias muß als Löwe kommen, um diese Raubvogelmacht zu zerbrechen (4.Esra 11f). Genauso ist es mit der Sünde. Zwar sind alle gepackt, aber nicht alle auf die gleiche Weise, die Unterschiede bleiben wichtig. „Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen", sagt Paulus mit einem Bibelzitat (Jes 59,7) unmittelbar vor unserem Text (Röm 3,15). Mörder und Ermordete sind zu unterscheiden. Die lange Aufzählung von Schuldverstrickungen in Röm 1 endet: Die Menschen sind „treulos, lieblos, unbarmherzig" (1,31), es gibt unter ihnen also auch solche, die Liebe und Barmherzigkeit brauchen und nicht erfahren. Alle sind verstrickt, alle Menschen erleben, daß sie das Gute, das sie doch wollen, nicht tun (c.7). Alle sind verstrickt, die Herrschaft wurzelt tief in unseren Herzen, aber nicht alle sind damit gleichermaßen Tä-ter. Mit traditionellen Moralvorstellungen kann man kaum erfassen, worum es in dieser Schreckens-herrschaft geht. Aus dem Bereich der Sexualität nennt er etwa die Homosexualität (1,26f). Von heuti-gem Wissen aus kann man das mit Recht problematisieren, indem man grade auch hier die Opfer im Blick hat. Aber wir brauchen nur heutige große Sünden im Bereich der Sexualität einzusetzen, um die Aussagen in eine sachgemäße Dimension zu rücken. Den Mißbrauch von Kindern, die Vergewalti-gung von Kindern und Frauen, die Ausschlachtung der unschuldigsten Menschen in Gewaltpornogra-phie und Prostitutionstourismus. Die Welt ist in den Krallen der Sünde, man muß das ganz real neh-men, muß die vielfältigen Formen von Leid und Ausbeutung vor Augen haben, von Entrechtung und Entwürdigung, Hunger und Elend, dann weiß man, um was es geht. Es liegt auch an uns. Um sich selbst dabei realistisch einbeziehen zu können, sind auch andere Unterschiede wichtig, etwa der zwi-schen Männer- und Frauensünde. Oft hat man eine totale Ichbezogenheit als Merkmal der Sünde bezeichnet, doch frau hält dagegen: „Die ‘Sünde’, die die weibliche Rolle in der modernen Gesell-schaft produziert ..., ist nicht illegitime Ichbezogenheit, sondern das Versäumnis, sich auf das Ich zu beziehen, das Versäumnis, Verantwortung auch für das eigene Leben zu übernehmen" (J. Plaskow).

In der Bibel hat der Satz, daß alle Menschen Sünder sind, nie zur Folge, die Unterschiede zu verwi-schen, er besagt noch nicht einmal, daß es nicht doch Gerechte gibt. In der Sintflutgeschichte wird zuerst formuliert, daß alle Menschen von Jugend an Böses bewirken (Gen 6,5), und dennoch wird danach Noah als ein Gerechter bezeichnet (v.9). Nach Ps 14 ermangeln alle Menschen der Gerech-tigkeit vor Gott - Paulus zitiert das in Römer 3 -, dennoch heißt es einen Vers weiter: „Gott ist beim Geschlecht der Gerechten. " Wir kennen das ebenso aus anderen Diktaturen, alle sind einbezogen, fast alle haben irgendwo mitgemacht, aber dennoch und gerade deshalb bleiben die Unterschiede wichtig. Die Rede von Gottes Gerechtigkeitstat ist deshalb nicht zuerst bezogen auf das Problem von Sünde und Schuld. Weder beim Exodus noch bei den Betern der Psalmen. Gott wendet sich dem Elend seiner Geschöpfe zu, antwortet auf ihre Klagen und Schreie, das ist seine Gerechtigkeit. Auch wenn Paulus hier die Akzente anders setzt, bleibt das der Rahmen, in dem dann auch angemessen und realistisch über Schuld aller gesprochen werden, aufgedeckt werden kann, wer welche Schuld hat, wie mit ihr umzugehen ist und wo wir selbst hingehören.

In dieser von Sünde, also Unrecht und Gewalt, beherrschten Welt, die uns unausweichlich in ihren Krallen hält und in die wir mit unserem eigenen Tun verstrickt sind, in ihr erscheint die Gerechtigkeit Gottes. Ich verstehe Paulus so, daß er von so etwas wie dem Exodus aus der Macht der Sünde spricht. Wie Gott anfangs Israel aus dem Haus der Sklavenarbeit befreit und vor den überlegenen Ägyptern errettet hat, so führt er jetzt die Menschen aus der Versklavung durch die Sünde heraus und setzt so seine Gerechtigkeit durch.

Tora

„Jetzt nun ist außerhalb der Tora Gottes Gerechtigkeit sichtbar geworden" (v.21). Was Gott als Ge-rechtigkeit unter den Menschen realisieren will, steht inhaltlich in der Tora, im alttestamentlichen Ge-setz. „Der Gerechtigkeit, nur der Gerechtigkeit sollst du nachjagen", lautet eine ihrer Grundregeln (Dtn 16,20). Die Tora zu praktizieren, das ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt (Dtn 6,25). Das Wort Tora bezeichnet die Weisung, die die Mutter dem Kind gibt, um ihm ein gutes Leben zu ermöglichen. Wir haben kein anderes Wort für die lebenschaffende Weisung Gottes an sein Volk und an alle Menschen. Die Tora enthält aber auch Recht, Sozial- und Wirtschaftsgesetze etwa, dazu Rechtsgrundsätze, die wie Menschen- und Grundrechte Freiheit bewahren und Minderheiten schützen wollen. Deswegen ist es nicht einfach falsch, sie wie lange üblich als „Gesetz" zu bezeichnen, aber es ist doch mißver-ständlich, denn neben der Liebe zum Nächsten und der zu Fremden steht die zu Gott. Es geht um die ganze Ausfaltung dessen, was man Glaubenspraxis nennen kann. Am bekanntesten in der Christen-heit sind zusammenfassende Texte wie die Zehn Gebote oder das Liebesgebot. In ihrem Zentrum steht überall das erste Gebot, denn es geht um nichts Geringeres als den Zusammenhang des einen Gottes mit der ganzen Fülle unseres Lebens. Gott und Tora gehören ebenso zusammen wie Gott und Gerechtigkeit oder Gott und Leben.

Doch nun sagt Paulus in v. 21, in Jesus Christus sei die Gerechtigkeit Gottes „außerhalb der Tora" erschienen, und dann ausdrücklich in v. 28, daß die Menschen gerecht gemacht werden „abgesehen von den in der Tora gebotenen Taten". Ist damit gemeint, daß die Tora nicht mehr gilt, begründet Paulus hier ein „gesetzloses Heidenchristentum", welches die Tora nicht zu beachten braucht, weil Christen ein Gottesverhältnis haben, in dem das Gesetz keine Rolle spielt? Nichts könnte falscher sein, und nichts war in der Geschichte des Christentums verhängnisvoller als diese Aufassung. Sie hat unendlich vielen Menschen den Tod gebracht, hat die Kirche auf eine Weise in die Gewaltverhält-nisse der Sünde einbezogen, wie es diesem Paulus wohl nur als ein Greuel hätte erscheinen können. Wir verwerfen die falsche Lehre - wir sollten sie verwerfen - , daß durch die Glaubensgerechtigkeit die Tora Gottes abgeschafft oder außer Kraft gesetzt wird. Wo solches angenommen wird und die Praxis bestimmt, handelt es sich um einen anderen Gott, einen Götzen, und mancher Irrweg des Christen-tums ist in der Tat so zu beschreiben.

Wichtig ist zunächst, die verschiedenen Aussagen über die Tora bei Paulus zu beachten. Sie passen zueinander. Die Gerechtigkeit Gottes ist zwar außerhalb der Tora sichtbar geworden, sie kommt also nicht aus der Tora. Aber eben das ist von niemandem anderem als der Tora selbst bezeugt. Nicht nur daß es dieselbe Gerechtigkeit ist, wird von ihr bezeugt, sondern gerade auch die Tatsache, daß sie außerhalb der Tora erscheint. Im Römerbrief ist dafür vor allem das Beispiel Abrahams wichtig: „Er glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet", so heißt es in der Genesis (15,6) und also in der Tora. Und beim Propheten Habakuk steht der Satz, daß der Gerechte aus Glauben leben wird (2,4). Am Ende unseres Textes in v. 31 stellt der Apostel selbst die Frage, ob die Tora durch das Evangelium außer Geltung kommt, und er sagt eindeutig, nein, im Gegenteil, wir richten sie auf, setzten sie in Kraft. Er sagt es ebenso ausdrücklich, wie es Jesus in der Bergpredigt sagt: „Meint nicht, daß ich gekommen bin, das Gesetz abzuschaffen" (Mt 5,17). All diese Sätze klingen, als wenn die Autoren geahnt hätten, was kommt, und es hat wohl in ihrer Zeit schon Ansätze dazu gegeben.

Aber was nun? Sollen wir denn Juden werden und die ganze Tora tun? Bei der Frage nach dem Ver-hältnis der Tora zu den Christen aus den Völkern kommen mehrere Probleme zusammen, die man zunächst auseinanderhalten muß. Das eine ist die Frage, wie Israels Tora für Nichtuden gelten kann, wenn diese doch nicht Juden werden sollen. Das klammere ich jetzt noch für einen Moment aus. Ein zweites ist die Frage, die für Paulus nicht so bedrängend war wie für uns, daß die Tora die Spuren einer anderen, einer uns inzwischen fremden Zeit an sich trägt. Das ist eine Frage einer sachgemä-ßen Interpretation und Umsetzung, die im Augenblick nicht unser Thema ist, und sie betrifft die Tora nicht anders als andere Teile der Bibel. Hier geht es um eine dritte Frage, nämlich um die Beziehung der Gerechtigkeit, die Gott selbst bewirkt, zu der, die er in seiner Tora geboten hat. Dazu ist noch einmal an die Macht der Sünde zu erinnern. In einer Welt, die die Sünde in ihren Krallen hält, erfüllt niemand die Tora, kann niemand sie praktizieren. Es geht nicht gerecht zu und wir alle sind daran mitschuldig und fühlen uns hilflos. In dieser Lage kann aus der Tora nur die Erkenntis der Sünde kommen, wie es in v. 20 direkt vor unserem Text heißt.

Was ist zu erkennen? Durch die Sünde ist es zur Herrschaft der Männer über die Frauen gekommen, die bis heute die Beziehungen zerstört, durch sie zu den Morden, die von Kain an die Weltgeschichte bestimmen. Die Regeln der Tora zur ökonomischen Gerechtigkeit, zum Zinsverbot und zum regelmä-ßigen Schuldenerlaß, lassen bis heute erkennen, wieweit eben nicht Gerechtigkeit, sondern das Ge-genteil herrscht. Wir wissen aus der Tora, daß Gott den Mensch von der Schöpfung an auf Arbeit angelegt hat; selbst unter paradiesischen Bedingungen (Gen 2,15). Wir wissen, daß im Dekalog steht „sechs Tage sollst du arbeiten", wir erkennen, welche Sünde die Arbeitslosigkeit darstellt, für Jugend-liche zumal, und fühlen uns ihr dennoch oft hilflos ausgeliefert, ahnen auch, wie stark sie durch unsere Art zu leben mit hervorgerufen wird.

Die Welt ist von Ungerechtigkeit beherrscht - die Tora wird nicht erfüllt - das meint auf zwei Weisen die gleiche Wirklichkeit. In ihr läßt Gott seine Gerechtigkeit aufscheinen, und wo das geschieht, wird die Tora aufgerichtet und neu in Kraft gesetzt. Die Tora ist heilig, gerecht und gut (Röm 7,12), Gott handelt in Christus, damit die Gerechtigkeitsätze der Tora in der Kraft des Geistes erfüllt werden (Röm 8,4), die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung (13,10). So redet Paulus an vielen Stellen, der Befund ist völlig eindeutig. Statt daß die Tora abgeschafft wird, ist es umgekehrt: Durch die Glaubensgerechtig-keit wird sie neu aufgerichtet. Der Exodus aus der Macht der Sünde ermöglicht es, Gerechtigkeit zu praktizieren. Und genau das ist Gottes Ziel. Ich denke, darin liegt auch der tiefste Grund für die For-mulierung von v. 21, wonach die Tora selbst bezeugt, daß die Gerechtigkeit außerhalb der Tora sicht-bar geworden ist. Denn es geschieht hier ja nicht anders, als es im Buch Exodus berichtet wird: Gott führt Israel heraus, befreit es aus der unterdrückenden Macht, bringt es zu sich, an den Sinai, und gibt ihm seine Tora. Diese beginnt mit dem Satz: „Ich bin Adonai, bin dein Gott, weil ich dich aus Ägypten herausgeführt habe" (Ex 20,1). So fangen die Zehn Gebote an, darauf gründen sie sich, wie auch alles weitere. Die Gerechtigkeitstat Gottes führt zur Gabe der Tora, sie kommt selbst nicht aus dem Tun der Tora, ermöglicht aber das Leben in Freiheit, das die Tora ausfüllt. In einer Welt, in der Unge-rechtigkeit herrscht und gerechtes Leben niemandem möglich ist, befreit die Gerechtigkeit Gottes aus solcher Unterdrückung, um ein Leben in Gerechtigkeit, das heißt mit der Tora, zu ermöglichen.

„Jetzt aber" - so setzt unser Text in v. 21 ein. Im Aufriß des Römerbriefs beginnt mit dieser Formulie-rung der entscheidende Übergang von der alle versklavenden Macht der Sünde zum Geschehen von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi. „Jetzt aber" - meistens wird dieses „jetzt" als Wechsel vom Al-ten zum Neuen Testament, vom Judentum zum Christentum beschrieben, und damit zugleich das Alte für erledigt und überholt erklärt. Hier ist Vorsicht am Platz. Wenn man es zunächst einmal in seinen langfristigen weltgeschichtlichen Perspektiven beschreibt, geht es ja genauer um einen Übergang vom Alten Testament zum Nebeneinander vom Alten Testament und der christlichen Bibel aus Altem und Neuem Testament; vom Judentum zum Nebeneinander von Judentum und Christentum. Vielfach wird freilich bewußt oder unbewußt damit weiteres verbunden, ein Wechsel von Strafe zum Heil, von blo-ßer Gerechtigkeit zur Gnade, vom Muß des Gesetzes zur Freiheit der Kinder Gottes durch die Verge-bung der Sünden. Es gibt viele derartige Muster. Sie sind alle falsch, soweit man sich ein andersarti-ges Wirken Gottes vorstellt. Wir verwerfen die falsche Lehre - sollten sie verwerfen - , daß in Jesus Christus ein Moment der Güte Gottes erschienen ist, das vorher nicht sichtbar war. Von ihr war schon vorher alles bekannt und alles gesagt, Paulus selbst, wir drücken es bis heute mit den alten Worten aus: „Der dir all deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, ... wie sich ein Vater über Kin-der erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten. " Derselbe Gott mit allen seinen Ei-genschaften wird schon in den Psalmen besungen. Seine Gerechtigkeit war in Israel zuerst sichtbar geworden, und sie wirkt dort bis heute.

Worin liegt dann das Neue, worauf bezieht sich das „jetzt aber"? Natürlich hängt es inhaltlich mit dem Wirken Jesu zusammen, seinem Tod (v.25) und dem Glauben an ihn. Entscheidend aber ist zunächst etwas anderes. Es wird hier in v. 29 mehr vorausgesetzt als entfaltet: „Ist Gott etwa nur der Gott des jüdischen Volkes? Nicht auch der Völker? Ja, auch der Völker." Nicht daß er der Gott aller Menschen ist, ist neu, das ist er seit der Schöpfung, sondern daß er sich jetzt als Gott aller Völker zeigt, seine Gerechtigkeit in der ganzen Welt aufscheinen lassen und durchsetzen will. Die Menschen der Völker-welt kommen zum Gott Israels, zu ihrem Schöpfer. Genau das aber ist nichts Unerwartetes und Über-raschendes, sondern ist schon mit dem Beginn der Geschichte Gottes mit Israel, mit seiner ersten Begegnung mit dem ersten Vorfahren Abraham verbunden. Sein Segen wird weltweit auf alle, die ihn segnen, ausstrahlen (Gen 12,1-3). In vielen prophetischen Texten wird das Kommen aller Menschen zum Zion erwartet, um die Tora zu empfangen und ihre Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden (Jes 2 / Mi 4). Gerade das Neue steht in tiefster Kontinuität zum Alten.

„Jetzt aber" - die Wende zur weltweiten Gerechtigkeit ist nicht einmal geschehen, sie hat zwar einmal angefangen, aber sie geschieht immer da, wo die Gerechtigkeit Gottes neu aufscheint, wo der Bann der Sünde, der Ungerechtigkeit produziert, Arbeitslosigkeit und Gewalt, psychisches Elend und physi-sche Armut, durchbrochen wird, jetzt aber, das ist heute und hier.

Sühnetod

Was ist an diesem Christus, das die Macht der Sünde bricht und den Exodus in ein gerechteres Leben ermöglicht? Das sagt vor allem die Formulierung von v. 25: „Gott hat ihn in seinem Blut als Sühne eingesetzt". Es geht um den Sühnetod, das „Gestorben für unsere Sünden", das Blut Christi. Dadurch werden die bisher begangenen Verfehlungen erlassen, die Menschen aus den Krallen der Sünde befreit und zu gerechtem Handeln in der Gegenwart bestärkt. Ich möchte zu dieser schwierigen, für manche Christen zentralen, für andere geradezu abstoßenden Vorstellung in fünf Schritten einige Informationen und Überlegungen vortragen.

- Wie eng neu und alt ineinander verschränkt sind, kann man sich gerade an der Vorstellung vom Sühnetod klar machen. Der Begriff, der hinter dem deutschen Wort Sühne steht, bezeichnet im Alten Testament einen Aufsatz auf der Bundeslade, die im Allerheiligsten des ersten Tempels stand (Kapporet, Hilasterion). Luther übersetzt es ursprünglich mit „Gnadenstuhl", „welchen Gott hat furge-stellet zu einem Gnadenstuel", andere sagen Sühnmal oder geradezu Sühnapparat. Es bildet das Allerheiligste im Allerheiligsten, ist das Symbol der direkten Gegenwart Gottes im Tempel und zugleich seiner Vergebungsbereitschaft. Menschen dürfen Gott selbst ganz nahe kommen, weil er Schuld sühnt und vergibt, niemand könnte sonst in seiner Nähe überleben. Das Allerheiligste betrat allein der Hohepriester einmal im Jahr am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, um dort feierlich einen Blutritus zur Reinigung des Volkes zu vollziehen, wodurch alle öffentlich bekannte Schuld Israels vom Sünden-bock in die Wüste getragen werden (Lev 16). Paulus sagt also: Christus ist der Sühnort Gottes für die Welt und entspricht dem Sühnort im Tempel. Wie von ihm die Reinigung Israels von allen seinen Sün-den ausgeht, so von Jesus die Reinigung der ganzen Welt. Nichs Geringeres als ein universaler Jom Kippur klingt an. Was an diesem Tag Gott an Israel tut, das tut er jetzt an allen Völkern.

- Wie aber soll man sich die Wirkung des Blutes auf die Sünden oder auf Gott vorstellen? Wie auf uns selbst? Die christliche Theologie hat immer wieder versucht, dafür Denkmodelle zu entwickeln, wollte genau verstehen, warum dieser Tod notwendig war, was er bedeutet, wie er wirkt. Sie alle führen aber zu problematischen Konsequenzen. Und es ist durchaus fraglich, ob je ein einziger präziser Sinn da-hinter stand. Heutige Wisenschaft kann schon für die Sühneriten im Tempel die genauen, damit ver-bundenen Vorstellungen - wie reinigt wessen Blut durch welche Wirkung was? - nicht eindeutig klären. Zu viele Schichten, jahrhundertelang wechselnde Deutungen der Riten verhindern das. Das geht nie auf. Bei der Übertragung auf Christus sind zudem verschiedene Traditionen und Bilder im Spiel. Pau-lus vergleicht ja, sieht man genau hin, Christus und seinen Tod nicht mit dem Sündenbock, das „Lamm, das der Welt Sünden trägt", steht anderswo (Joh 1,29), auch die Formulierung aus Jes 53 „für unsere Sünden gestorben" steht hier nicht. Allein für die Bedeutung des Blutes gibt es also meh-rere konkurrierende Bilder. Und direkt zuvor in v. 24 hat Paulus einen ganz anderen Vergleich ge-braucht: den eines Freikaufs. Das ist ein Rechtsvorgang, durch den in Schuldhaft oder Sklaverei ge-ratene Menschen durch Zahlungen „erlöst", eben freigekauft werden konnten. Die Vorstellungen und Bilder, die religiösen Riten und gottesdienstlichen Gebräuche wechseln. Sie alle sind vielfältige und vielgestaltige Konkretionen der Vergebungsbereitschaft Gottes. Um die geht es, und nicht um eine mystische Wirkung des Blutes. Das zeigt sich eindrucksvoll daran, daß Israel nach der Zerstörung des Tempels mit dem Ende der realen Sündopfer und Sühneriten keinerlei Schwierigkeiten hatte, einen Wortgottesdienst für den Versöhnungstag zu entwickeln, in dem Gottes Vergebung ohne Blut und ohne Sündenbock zugesprochen wird, genau wie es in unseren Gottesdiensten geschieht.

„Der dir all deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen" - alle Bilde und alle Riten - man denke an das Abendmahl - sind Ausdruck dieser Gewißheit. Wir verwerfen die falsche Lehre - sollten sie verwerfen -, daß es bei der Sühne durch das Blut Christi um etwas anderes oder um mehr geht als um die Begegnung mit dem recht-schaffenden und vergebenden Gott, wie ihn Israel erlebt und in seinen Psalmen besungen hat.

- Weil es aber um reales Blutvergießen geht, ist noch anderes im Spiel. Das Kreuz ist ein schreckli-ches Hinrichtungsinstrument, an ihm endete einer, der für Gerechtigkeit eintrat, blutig, grausam und zunächst einmal sinnlos. Wenn Gott gerecht ist, dürfen Gerechte nicht so sterben. Daß Gott ihn auf-erweckte, besagt, daß genug Ungerechtigkeit passiert ist und Gott jetzt eine Gegeninitiative startet. In einem anderen jüdischen Texte der gleichen Zeit wird der gleiche Ausdruck Sühnmal ebenfalls mit dem Tod von Menschen in Verbindung gebracht. Der Gedanke lag also in der Luft. Von Märtyrern der Makkabäerkriege, welche für ihren Glauben gestorben sind, heißt es: „durch sie ist ...das Vaterland gereinigt worden, sind sie doch zu einer Art Ersatzleistung für die Sünden des Volkes geworden. Durch das Blut jener Frommen und ihren sühnenden Tod (Hilasterion) hat die göttliche Vorsehung das zuvor schwer heimgesuchte Israel gerettet" (4Makk 17,21f). Bei den Märtyrern geht es darum, daß Gott ihr Blut als ausreichend anerkennt, jetzt reicht es, und deshalb weiteres Bluvergießen unterbricht.

Es ist genug Blut geflossen - dafür steht die Deutung des Kreuzes als Sühnmal. Man darf diesen Je-sus niemals isolieren von all den anderen ermordeten und gefolterten Menschen bis heute. Die Evan-gelien stellen ihn in eine Reihe mit den Klagen der Unschuldigen in den Psalmen, und er ist Gott des-halb so nahe, weil er uns wie dieser selbst in den Elenden begegnet. Das Blut jedes Ermordeten ist zuviel, jedes verhungerten oder geschändeten Kindes. Was der Tod Jesu auslöst, ist eine weltweite Initiative Gottes, mit der er Gerechtigkeit durchsetzen will. Schuld und Sünde sollen die Gerechtigkeit nicht länger verhindern, Gott fängt mit uns neu an.

- In der Mischna heißt es: „Sünden des Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag, Sünden des Menschen gegen seinen Nächsten sühnt der Versöhnungstag nicht eher, als bis man seinen Näch-sten besänftigt hat" (8,9). Zwar sind alle Sünden gegen andere Menschen auch Sünden gegen Gott und seine Gebote, aber Gott kann und will nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg vergeben. Im Jüdischen ist das immer selbstverständlich gewesen, wir finden es auch beim Juden Jesus in der Bergpredigt - „Gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder" (Mt 5,23f) - und im Vaterunser - „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben". Ich halte es für sicher, daß auch der Jude Paulus so denkt. Das Selbstverständliche ist manchmal am schwersten zu erkennen. Gottes Vergebung kann Kraft und Geist verleihen, mich auch mit meinen Gegnern zu versöhnen, sie ersetzt diesen Vorgang nicht. Wir verwerfen die falsche Lehre - sollten sie verwerfen, daß die Vergebung der Sünden durch Gott die Versöhnung mit den Brüdern und Schwestern, an denen ich gesündigt habe, einschließt, ersetzt oder überflüssig macht. Wenn und wo in der Christenheit solches gelehrt wurde - jedenfalls faktisch praktiziert wird es vielfach! -, muß man das als eine der schwersten Abweichungen von der Bibel ansehen. Tröstung der Gewissen ohne diesen Grundsatz wird zur Gewissenlosigkeit.

- Es ist manchmal notwendig, bei der Auslegung von Texten ihre spätere Wirkung mit im Blick zu ha-ben. Paulus stellt sich vor, daß Juden wie Nichtjuden durch diese Sühnkraft gereinigt werden. Er will eine aus Juden und Nichtjüdinnen zusammengesetzte Gemeinde. Das war schon zu seiner Zeit schwierig, er muß in Römer 9-11 darauf eingehen. Fast alles in der Tora war nicht strittig, Religion und Recht, Glaube und Lebenspraxis machten Juden und nichtjüdische Christen von außen für lange Zeit fast ununterscheidbar. Umstritten und umkämpft waren aber die Teile der Tora, die spezifisch jüdisch waren: Sollen sich auch nichtjüdische Männer beschneiden lassen? Wie kann es eine Tischgemein-schaft geben, ohne daß Juden mit den Speisegeboten der Tora ihre Identität aufgeben müssen? Oder sollen umgekehrt Heiden durch solche Regeln mit dem Glauben an den Gott der Juden das Judentum selbst annehmen? Zu beidem sagt Paulus eindeutig nein. Beschneidung und Speisegebote sind des-halb nicht zu übernehmen. Aber was dann? Wie das aussehen sollte, daß die Völker nicht erst im Reich Gottes, sondern unter den Bedingung dieser Welt sich Israels Gott anschließen, das wußte niemand und das mußte erst erprobt werden. Man kann die Probleme, die sich dabei ergaben, als Anschlußprobleme bezeichnen. Wir kennen Ähnliches aus dem deutschen Vereinigungsprozeß er-staunlich gut. Wer bestimmt die Regeln? Wer dominiert im Zusammenleben? Die Mehrheit der Juden hat das Hinzuströmen von Nichtjuden, das zunehmend zu deren eigenen Bedingungen geschah, nicht akzeptiert, und die Christen aus den Heiden haben immer weniger Rücksicht genommen. Hier lag Sprengkraft. In einem langen Prozeß, der zur Zeit des Paulus mit einer gewissen Überheblichkeit der Heidenchristen begann - „Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich", muß er sie in Röm 11,18 ermahnen - und mit antijüdischen Gesetzen des christlich gewordenen römischen Staates endet, voll-zieht sich die Trennung. Bis heute wird von christlicher Seite argumentiert, daß es ja der Sühnetod Jesu ist, der allein von Sünden befreit, weshalb auch die Juden das annehmen müssen. Dabei setzt man voraus, daß Gott durch diesen universalen Jom Kippur dessen von ihm eingesetztes Vorbild aus Lev 16 aufgegeben hat. Daß Gott also untreu wird. Bei Paulus steht das Gegenteil, ausdrücklich wird nach Röm 11,26 „ganz Israel" gerettet werden. Ein wirksames Modell des Nebeneinander, vom Mit-einander zu schweigen, gibt es bis heute nicht. Es liegt an uns, eines zu entwickeln.

Glaube

Alles, wovon bisher die Rede war, wird wirksam durch den Glauben, und nur durch ihn. Was ist Glau-be? Anders als bei anderen schwierigen Worten scheint das oft selbstverständlich zu sein. Die Kir-chentagsübersetzung will mit dieser Selbstverständlichkeit brechen. Sie gibt das griechische Wort durchgängig mit „Treue" wieder. In vier Punkten versuche ich, ausgehend vom Übesetzungsproblem etwas zum biblischen Glaubensbegriff zu sagen.

- Der Hauptgrund, einen anderen Übersetzungsvorschlag zu machen, ist eine Eigenart des biblischen Wortgruppe, die wir mit „Glauben" in der Regel nicht verbinden: Seine Reziprozität, seine Wechselsei-tigkeit. Nicht nur Menschen glauben, sondern auch von Gott kann gesagt werden, daß er glaubt. Das wird dann allerdings anders übersetzt. In Röm 3,1-3 geht es um die Vorzüge der Juden selbst ange-sichts der allgemeinen Sündhaftigkeit; ihnen wurde die Worte Gottes anvertraut. Und dann heißt es in v. 3: „Daß aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Soll ihre Untreue die Treue Gottes aufhe-ben?" Wegen dieser „Treue Gottes" werden dann von Luther auch die Worte mit „treu sein" über-setzt, die sonst im ganzen Römerbrief für Glauben stehen. Also kann man Röm 3,3 auch so überset-zen: „Daß aber einige ungläubig waren, was liegt daran? Soll ihr Unglauben den Glauben Gottes auf-heben?"

Gott ist seinem Volk treu, das bedeutet eben: Auch er glaubt an Israel, er setzt auf Israel, er vertraut ihm, weil er sich ihm anvertraut hat. Zwar ist es relativ selten, daß das Verb „glauben, vertrauen" von Gott ausgesagt wird. Aber blickt man auf die ganze Wortgruppe, ist vom treuen Gott, der die Treue hält, häufig die Rede. Auch wenn es selten ist, für das Gottesbild der Bibel ist es grundlegend, daß fast alle Worte reziprok gebraucht werden. Beim letzten Kirchentag hieß es im 104. Psalm, daß Men-schen Gott segnen, hier geht es jetzt darum, daß Gott glaubt. Nur wenn man auch bereit ist zu sagen, daß Gott an uns glaubt, sollte man das abgenutzte Wort weiter verwenden.

- Religion ist nicht Glaube, religiöse Vorstellungen etwa über Götter, deren Macht man erfährt, heißen nicht Glaube. Unser Begriff Glaube ist so abgeschwächt, zugleich ist uns normale Religiosität soweit entrückt, daß wir jedes Verhalten zu überirdischen Mächten mit Glauben bezeichnen. Die Geburts-stunde des biblischen Glaubensbegriffs liegt fest. Die älteste Formulierung steht in Jes 7,9: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht", ist die übliche Übersetzung, „verhaltet ihr euch nicht treu, werdet ihr auch keine Treue erfahren". Es geht dabei um folgende Situation: ein feindliches Heer rückt an, um Jeru-salem zu belagern. Alle sind von Furcht erfüllt. Jesaja sagt den Beistand Gott zu, aber er fügt hinzu: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht." Die Zusage Gottes steht im Glauben auf dem Spiel. Gefordert ist ein faktisches politisches Verhalten, daß dieser Zusage entspricht. Man kann nicht, sagt Jesaja, Gott als mächtigen Helfer besingen, ihn um Rettung bitten, seine Zusage akzeptieren und dann alles auf die Stärke der eigenen militärischen Vorbereitung setzen. Entweder oder. Rüstung kann Ausdruck des Unglaubens sein. Es geht um Übereinstimmung von religiösem Reden und faktischem Verhalten im politischen Raum, dazu wird der Begriff Glauben im Sinne von Vertrauen geprägt. Nicht irgendein Fürwahrhalten ist gemeint, sondern ein Verhalten, das mit Gott rechnet, sich real auf ihn verläßt. Mir hat seit meinem Studium eine Definition des Philosophen und Physikers Carl Friedrich von Weizsäk-ker viel geholfen: „Glauben heißt, sich so verhalten, als ob das, woran man glaubt, wahr wäre". Glau-ben ist ein Setzen auf den Gott, an den man glaubt, heißt, die Schritte seines Lebens vertrauensvoll auf ihn ausrichten, bezeichnet ein effektives Sichverhalten, mit Gedanken, Worten und Werken, eine Lebenspraxis. Paulus dreht eigentlich nur Jesaja um und verallgemeinert: Glaubt ihr, so bleibt ihr.

- Was ist diesem Wort Glauben nicht alles aufgeladen worden, die Theologiegeschichte vieler Jahr-hunderte schwingt in unseren unwillkürlichen Assoziationen mit. Man denke nur an Alternativen wie Glaube und Wissen, Glaube und Zweifel, Glaube und Werke. Ist denn nun der Glaube mein Tun, et-was, das ich von mir aus bewußt vollziehe, oder ist er ein Geschenk, zu dem ich gerade nichts beitra-gen kann? Man muß sich die realen Verhältnisse zur Zeit des Paulus vor Augen halten, um zu einer realistischen Einschätzung zu kommen. Paulus spricht als Missionar, der mit vielen anderen im Um-kreis der Synagogen Jesus Christus predigte. Und es bildeten sich neue Gemeinden, kleine Gruppen, aus Juden und Nichtjüdinnen, die eine neue Praxis, ein neues Leben in Gerechtigkeit begannen, die vom Geist erfüllt die Tora praktizierten. Glaube, das ist zuallererst die Wirkung der Predigt, der Eintritt in die Gemeinde, das Sich-hineinziehen-Lassen, die Teilnahme an dieser neuen Gemeinschaft, der faktische Beginn eines veränderten Lebens. Das Wort hält zusammen, was oft auseinanderfällt: neu beginnen und doch treu sein. Das und nichts anderes ist Glaube, und was Paulus in anderen Zusam-menhängen den Geist Gottes nennt, ist ein anderer Aspekt des gleichen Geschehens. Da ist nichts Theoretisches oder nur Gedankliches, sondern Glaube geschieht so praktisch, wie sich solche Anfän-ge vollziehen, voller Verzauberung durch Neues und die neue Gemeinschaft. Ich denke, daß Situatio-nen, wie sie hier im Osten vor der Wende herrschten, dem in mancher Hinsicht nahe kommen. Sich zur christlichen Gemeinde zu halten war nicht selbstverständlich, konnte Probleme bringen. Die Teil-nahme an sich war das Entscheidende, nicht ob eine Person alles glaubte im Sinne eines Fürwahr-haltens, gar von offiziellen Sätzen eines Glaubensbekenntnisses, sondern das Mitmachen. In der Antike machte sich die Anwesenheit einer Gottheit auch sinnlich bemerkbar, durch Wohlgeruch und Inspiration, etwas anderes tritt in den Raum. Mit der Verkündigung des einzigen Gottes und seiner befreienden Kraft ist das erst recht so. Sich darauf einlassen, sich hineinziehen lassen und mitgehen, das ist Glaube. Er ist zugleich Wirkung des Wortes und Wirkung der Gemeinschaft, und doch und vor allem ganz mein eigenes Leben.

- Die Menschen werden durch solchen Glauben, durch solches Vertrauen gerecht gemacht - das ist die zentrale Aussage über die Rechtfertigung in v. 28. Gerecht durch den Glauben, allein durch ihn, wie Luther ohne Anhalt am Urtext, aber sachlich sicher richtig zuspitzend, übersetzt hat. Hier kommt nun alles zusammen. Nicht erst das Tun der Tora, das in den Krallen der Sünde nicht geschieht, macht gerecht, sondern der Mensch wird durch Glauben gerecht, so daß er gerecht leben und die Tora tun kann. Die Sündenvergebung befreit, soweit es an Gott liegt, von der versklavenden Macht der Sünde und der Vergangenheit. Aber wieso ist man plötzlich gerecht? Werden die Menschen ein-fach für gerecht erklärt, sieht Gott sie also nur so an und spricht sie frei, unabhängig davon, ob sie wirklich gerecht sind? Oder werden sie effektiv gerecht gemacht und wodurch? Das sind einige der vielen theologisch strittigen Fragen. Ich meine den Text so verstehen zu müssen, daß er genau das meint, was er sagt: Der Glaube macht Menschen gerecht, weil glauben heißt, anzufangen gerecht zu leben, Gerechtigkeit zu praktizieren, vielleicht zunächst ganz im kleinen, wie ein Kind, Neugeburt ist ja ein anderes Wort dafür. Denn hier beim Anfang eines neuen gerechten Lebens der einzelnen Men-schen entscheidet sich das große Werk Gottes: So nämlich setzt sie in dieser von Ungerechtigkeit beherrschten Welt ihre Gerechtigkeit durch, daß die Menschen, aus den Krallen der Sünde befreit, gerecht miteinander leben können. Die Gemeinde, in der das geschieht, ist deshalb der Körper des Messias, ist das Werkzeug, mit dem Gott Gerechtigkeit in der Welt schaffen will. Weder überläßt Gott die in Ungerechtigkeit verstrickte Menschheit weiter sich selbst, noch richtet er sie jetzt schon auf- grund ihrer fehlenden Gerechtigkeit, sondern er verlockt die Menschen, sich neu auf den Weg der Gerechtigkeit zu begeben oder zum ersten Mal. Wie eine Mutter ihr Kind in den Arm nimmt und sagt „Komm, fang neu an, hier ist der Weg", und es läßt sich trösten und fängt an, so heißt Glauben an den gerechten Gott, das Alte überwinden und anfangen, gerecht zu leben. Der effektive Anfang durch eine neue Gemeinschaft und durch neues Leben in ihr, das ist der Bruch mit der Macht der Sünde, darin wird Sündenvergebung real wirksam. Die Kraft dazu kommt nicht aus der Tora, aber der Glaube setzt auf die Spur der Tora, dreht einen in die Richtung der Gebote. Weil es Gott auf diesen Punkt ankom-men läßt, wo Glaube als neue Praxis der Gerechtigkeit entsteht, deshalb glaubt er an uns, so vertraut sie uns ihre Gerechtigkeit an, glaubt an unseren Glauben.

V.

Ein Beispiel für die Folgen

Ich habe begonnen mit dem Hinweis auf die nachhaltigste Wirkung der reformatorischen Rechtferti-gungslehre, die Vorstellung von der alltäglichen Berufsarbeit als Gottesdienst. Mit einer kurzen Über-legung dazu will ich schließen. Aus biblischer Perspektive ist das fast völlige Zurücktreten der Ge-rechtigkeit dabei das größte Problem. Jedenfalls als mit der Industrialisierung neue Massen ausge-beuteter und nahezu rechtloser Menschen auftraten, hatte die Kirche ihnen kaum etwas zu bieten. Sie lehrte die Rechtfertigung der einzelnen, doch der Zusammenhang mit der Gerechtigkeit unter den Menschen war weithin vergessen. Darum ging es dann außerhalb der Kirche. Die Arbeiterbewegung wurde kirchen- und religionsfeindlich, und daran war die Kirche nicht schuldlos. Mit den Folgen hat man hier im Osten bis heute zu tun. Aber ist das heute anders? Es vollziehen sich bekanntlich wieder weitreichende Veränderungen, die an der schwindenden Bedeutung menschlicher Arbeit ablesbar sind. Was bringt die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit etwa für Arbeitslose, die sich direkt im Kraftfeld von Gewalt und Unrecht befinden? Das ist die Nagelprobe. Eine Lösung haben die Theolo-gen so wenig wie andere. Dennoch bin ich nach wie vor überzeugt, daß die christlichen Gemeinden hier ungeheure Möglichkeiten haben. Denn Gott glaubt ja an uns. In allen unseren Gemeinden gibt es Arbeitslose und andere Betroffene, sie halten sich aber dort meist genauso versteckt wie sonst in der Gesellschaft. Ist die christliche Gemeinde wirklich der Ort, wo Menschen so rückhaltlos angenommen werden, wie Gott uns annimmt, wird sich das hier bewähren. Gemeinde und auch Gottesdienst als Raum für die betroffenen Menschen mit ihren Leiden, Sorgen und Ängsten, Raum für Klagen und Anklagen zuallererst, für den Schrei nach Gerechtigkeit, dann vielleicht auch für ein Miteinander-Streiten, Denken und Planen. Einen solchen Ort, wo die Betroffenen im Zentrum sind, und dort nicht allein bleiben, gibt es sonst nirgends. So kann sich Glaube als Entsprechung zur Anerkennung Gottes ereignen, als erste Schritte in Richtung Gerechtigkeit auf einem Weg, den wir noch nicht kennen. Das ist Umsetzung von Gottes Vergebung, die eine wirkliche Rechtfertigung von Menschen bewirkt, die sich von sozialer Anerkennung, Leben und Selbstachtung ausgeschlossen fühlen. Viel klarer als heute kann von da aus die Kirche, können wir alle dann eintreten für das, was die Tora über Arbeit und Ge-rechtigkeit sagt, daß sie zum Menschsein gehört und deshalb einklagbar sein muß, daß das Leben in seiner Fülle und nicht nur der Beruf Gottesdienst ist, daß zwar Arbeit Gottesdienst, aber Dienst für Gott auch Arbeit ist, daß Arbeit wie Brot zu teilen ist, gerecht zwischen Geschlechtern und Generatio-nen, und vieles andere. Gott glaubt an uns, seine Gerechtigkeit, sogar Gottes Zukunft selbst steht mit unserem Glauben auf dem Spiel, täglich.

Wie das tägliche Brot nötig ist
Ist die tägliche Gerechtigkeit nötig.
Ja, sie ist nötig mehrmals am Tage.
Von früh bis spät, bei der Arbeit, beim Vergügen.
Bei der Arbeit, die ein Vergnügen ist.
In den harten Zeiten und in den fröhlichen
Braucht das Volk das reichliche, bekömmliche
Tägliche Brot der Gerechtigkeit. (B.Brecht)


Ja, sie gibt es uns heute.

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