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"Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben" 27. Deutscher Evangelischer Kirchentag Leipzig 1997 - 18. - 22. Juni |
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Themenbereich: Zukunft
Sechs Weise aus dem Morgenland eröffnen ihr Testament
Dr. Marga Bührig, ehemalige Leiterin der Ev. Akademie Boldern, Binningen/CH
Neue Messe, Halle 2 Ost; Donnerstag, 19.6.97; 15:00 Uhr
Zu meinem 80. Geburtstag vor knapp zwei Jahren veranstalteten Freundinnen und Kolleginnen ein Symposium mit sechs Frauen. Diese kamen aus der Schweiz, aus Deutschland, den USA und Indien - Weggefährtinnen, Freundinnen, Schwestern. Das Thema dieser Veranstaltung war ein Zitat von mir selbst: "Das Leben leidenschaftlich lieben - Gerechtigkeit leidenschaftlich suchen". Diese Worte sind der Kern dessen, was ich heute weitergeben möchte. Wie kam es zu diesen Aussagen?
Ich habe mir immer gewünscht, zu Bewegungen und Gruppierungen zu gehören, die auch über mei-nen Tod hinaus weitergehen würden, sozusagen als Bestätigung dafür, dass all das, was ich mit an-dern zusammen versucht habe, nicht vergeblich gewesen ist. Nach meiner Überzeugung ist mir dieser Wunsch erfüllt worden.
Die beiden Lebensströme heissen:
Frauenbewegung in verschiedenen Phasen und Gestalten, in den letzten mehr als zehn Jahren vor allem der Zweig, der sich trotz allem Vorwärtsdrängen immer wieder zurückbesinnt auf die Verwurze-lung in der jüdisch-christlichen Tradition. Ich brauche gerne die Ausdrücke feministische Theologie und Frauenkirche dafür.
Der zweite Strom ist der tragende Grund und die befreiende Bewegung göttlicher Liebe auch in einer Welt voll grauenhafter Vernichtung und Zerstörung, und die Vision einer Menschengemeinschaft nach dem Vorbilde Jesu. Ich möchte versuchen, das etwas zu konkretisieren.
Im Rahmen der Frauenbewegung habe ich gelernt, dass das heute viel ge- und missbrauchte Wort Beziehung für mich ein wichtiger Grundwert ist. Ich habe erlebt und erfahren, dass ich nur als soziales Wesen, nur in einem sinnvollen Beziehungsnetz wirklich lebe. Trotz aller natürlich auch hier auftreten-den Spannungen und Konflikte gilt das. Nur so kann Leben erfüllt, reich und ganz sein. Dabei meine ich nicht primär Zweierbeziehungen, mein Verständnis von Beziehung greift darüber hinaus in alle Lebensbereiche. Ich glaube nicht mehr, dass Ehe und Familie das Grundmuster aller menschlichen Beziehungen sind, wie ich es einst von den theologischen Lehrern gelernt habe. Ich meine Beziehun-gen von verschiedener Farbe und Tiefe, mit mehr oder weniger Erotik und mit gemeinsamem Denken und Handeln. Offen und verbindlich sollen sie sein, rein persönlich und/oder Ausdruck eines gemein-samen Kampfes für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung (oder Rettung) der Schöpfung, um das Thema des mir sehr vertrauten konziliaren Prozesses aufzugreifen. Es geht um eine Gemeinschaft von Frauen, Männern und Kindern, aber auch von Frauen mit Frauen und Männern mit Männern, ohne Diskriminierungen, in voller Anerkennung verschiedener Lebensformen. In echt gelebten Beziehungen, die sich immer am Wohlsein und am Recht beider Seiten orientieren, ist göttliche Kraft erfahrbar, ist Gott gegenwärtig.
Weitergeben möchte ich zweitens die Grundüberzeugung, dass Herrschaft von Menschen über Men-schen und die schrankenlose Beherrschung und Vergewaltigung der Natur ungerecht und lebensfeind-lich sind. Das betrifft sowohl hierarchische Strukturen in unseren Kirchen als auch die Herrschaft von Männern über Frauen. Es gilt aber auch für die Herrschaft von Eltern und anderen ErzieherInnen über Kinder, den rücksichtslosen Neokapitalismus, die arrogante Verachtung von Schwächeren und von Minderheiten, die Bereicherung von Reichen auf Kosten der Armen oder den Anspruch, die ganze Welt wirtschaftlich und kulturell zu beherrschen. Wir wissen das alle, aber viele wissen nicht oder glau-ben es nicht mehr, dass es hoffnungsvolle Ansätze zu partizipatorischen Lebensformen gibt. Ich denke an verschiedene Formen von Basisgemeinschaften, auch von christlichen, meist am Rande der offizi-ellen Kirchen, an Erfahrungen in der Frauenkirche, an politische Vorstösse für Arbeit für alle durch eine Umverteilung von Arbeit und Freizeit, natürlich mit wirklicher Chancengleichheit für Frauen und Män-ner. Macht abzugeben ist immer schwer, Macht zu teilen erscheint vielen unmöglich. Wir sind noch zu wenige, die dazu bereit sind, aber ich bin überzeugt, dass nur eine Beteiligung vieler Menschen aus allen Generationen an solchen Prozessen zu Veränderungen führen kann. Das biblische Gleichnis vom Senfkorn, aus dem ein grosser Baum wächst, ist auch in einer globalisierten Welt noch wahr. Es ist allerdings nicht leicht, das gegen alle sog. Fakten und imposanten Statistiken zu glauben. Hier könnten und sollten unsere Kirchen Pionierarbeit leisten.
Zu meinem Testament gehört noch ein dritter Teil. Mein Herz hängt an biblischen Bildern vom Reich Gottes. Eines davon möchte ich herausgreifen, das Bild vom grossen Gastmahl, wie es in Jes 25,6ff beschrieben wird. Ich lese zwei Verse: "Und rüsten wird Gott auf diesem Berge allen Völkern ein Mahl von fetten, markigen Speisen, von alten geläuterten Weinen. Und vernichten wird er auf diesem Berge die Hülle, von der alle Nationen umhüllt sind, und die Decke, die über alle Völker gedeckt ist..." Nach der Beschreibung ist es ein festliches Bankett, aber nicht nur für eine kleine Schar, die es sich leisten kann oder zu einer bestimmten Schicht gehört, sondern für alle Völker. Gott gönnt allen die guten Gaben der Schöpfung, nicht nur das Existenzminimum. Zu diesem Fest gehört noch etwas Besonde-res: Gott wird die Hülle wegziehen, die den am Fest Teilnehmenden den Blick aufeinander verdeckt. Ist es eine dunkle Wolke von Leiden und Sorgen? Oder könnte es auch eine Decke von Vorurteilen, von Falschmeldungen, von Lügen sein? Was wissen wir wirklich von den Menschen in der sog. Zwei-drittelwelt oder über Angehörige anderer Kulturen und Religionen, die bei uns leben, oder über uns selbst und über die Vergangenheit unseres Volkes? Es liegen viele dicke Decken über uns, auch Hül-len der Harmlosigkeit, der Gleichgültigkeit und der Bequemlichkeit. Jeder auch nur kleine Durchbruch zur Wahrheit kann helfen, und Gott zieht mit an der Decke.
Wann wird das sein? Wie wird das sein? Wird es überhaupt sein? Das weiss ich nicht. Ich
weiss nur, dass dieses Fest der Völker schon mancherorts gefeiert wird - sicher auch an
diesem Kirchentag - und dass die Hülle immer wieder da und dort durchlöchert wird. Die
biblischen Visionen helfen mir, weiterhin das Leben zu lieben und Gerechtigkeit für alle zu
suchen, so viel und so lange ich kann.
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